• Interview mit Sahra Wagenknecht: "Wenn wir uns der SPD anbiedern, machen wir uns überflüssig"

"Wer was wird, entscheidet der Parteitag"

Seite 3 von 3
Interview mit Sahra Wagenknecht : "Wenn wir uns der SPD anbiedern, machen wir uns überflüssig"
Mariam Lau

Was kann, was muss die künftige Parteispitze in dieser Lage tun? Ist es wichtiger, sich schärfer von anderen Parteien abzugrenzen, oder, im Gegenteil, neue Bündnisse zu schmieden?

Da kriegen wir ja immer viele gute Ratschläge: Wir sollten stärker die SPD umwerben, uns öffnen. Ich glaube, wenn wir uns der SPD anbiedern und unsere Positionen weichspülen, dann machen wir uns überflüssig. Die Linke hatte Erfolg, weil sie klare Positionen vertreten hat. Weg mit Hartz IV! Gegen die Zerschlagung der gesetzlichen Rente! Nein zum Freikaufen von Banken und Spekulanten und zu unsozialen Kürzungsdiktaten in Europa. Das Schlimme in der momentanen politischen Lage ist doch, dass sich in diesen entscheidenden Fragen alle anderen Parteien einig sind. Banken retten SPD und CDU schon seit 2008 gemeinsam, ihre Zustimmung zum katastrophalen Fiskalpakt hat die SPD Merkel längst in die Hand versprochen. Die Linke hat nur eine Chance, wenn sie sich klar gegen diese neoliberale Agenda stellt. Dafür wurde sie gegründet.

Den Statuten nach muss die Parteispitze der Linken nach Männern und Frauen quotiert sein; ungeschriebene Gesetze verlangen auch einen Flügelproporz, und einen Ost-West-Proporz. Wie wichtig ist die Repräsentanz beider Flügel?


Natürlich muss die Parteiführung in ihrer Gesamtheit die Partei abbilden. Ob das jetzt in jedem einzelnen Posten sich widerspiegeln muss, ist eine andere Frage. In der erweiterten Führung müssen sich natürlich die Flügel widerspiegeln. In der unmittelbaren Spitze wünsche ich mir Leute, die unser Parteiprogramm vertreten, und zwar angriffslustig und pointiert. Und die Partei muss ihnen die Chance dazu geben, und darf sie nicht demontieren.

Also der Reformer Dietmar Bartsch wird eher Geschäftsführer als Parteichef?


Wer was wird, das wird der Parteitag entscheiden.

Wie wichtig ist der Ost-West-Proporz?

Eine Partei, die bei den letzten Bundestagswahlen die Mehrheit der Stimmen im Westen geholt hat, darf nicht darauf verzichten, mit Gesichtern aus dem
Westen aufzutreten. Das verschwimmt allerdings auch immer mehr. Ich selbst bin zum Beispiel im Osten geboren, lebe aber im Westen und habe dort auch meinen Wahlkreis.

Was haben die Reformer in die Fusion eingebracht?


Der Begriff ist schon schwierig, progressive Reformen wollen wir ja alle. Aber wenn Sie Funktionsträger der früheren PDS meinen: Sie haben – wechselhafte – Erfahrung mit Regierungsbeteiligung, langjähriger parlamentarischer Präsenz und der Verankerung im Osten. Das sollte man nicht ignorieren. Aber die meisten unserer Mitglieder im Osten unterstützen das neue Parteiprogramm und die darin verankerte Linie. Sonst wäre es ja nicht mit derart großer Mehrheit beschlossen worden.

Wie nahe stehen Sie der kommunistischen Plattform heute, und was ist deren Bedeutung für die Lage der Partei?


Alle Flügel haben ihre Berechtigung. Ich fühle mich nicht mehr als Flügelfrau, sondern dem Programm verbunden, das wir jetzt mit Leben erfüllen müssen. Neben den sozialen Themen geht es da auch um die Demokratiefrage: Ob die Finanzmärkte die Politik bestimmen, oder die Wähler. Und was man tun muss, wenn man die Diktatur der Banker überwinden will.

Debatte um Gesine Lötzsch-Nachfolge
Am 10. April 2012 ist Gesine Lötzsch überraschend als Vorsitzende der Linkspartei zurückgetreten. Als Grund nannte sie in einer schriftlichen Erklärung die Erkrankung ihres Mannes, die eine häufige Abwesenheit von ihrem Wohnort Berlin nicht mehr zulasse.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Rainer Jensen dpa/lbn
12.04.2012 12:18Am 10. April 2012 ist Gesine Lötzsch überraschend als Vorsitzende der Linkspartei zurückgetreten. Als Grund nannte sie in einer...


Sie sind eine der wenigen Celebritys der Linken, jeder kennt Sie aus Talkshows, wo Ihre Gegner sich warm anziehen müssen, wenn Sie Ihnen in Sachen Finanzpolitik das Wasser reichen wollen. Sie sind seit Jahrzehnten an vorderster Front dabei. Fühlen Sie nicht die dringende Verantwortung, die Linke vor dem Untergang zu retten?


Niemand sollte glauben, das Schicksal einer Partei hänge nur von ihm selbst ab.

Wenn Sie über Dietmar Bartsch sprechen, sagen Sie dann "Dietmar" oder "der Bartsch"?

Also wenn ich ihm was zu sagen habe, schreibe ich ihm eine SMS oder rufe ihn an. Und da wir uns alle duzen, nenne ich ihn Dietmar.

Das Interview erschien zuerst auf Zeit online.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!