"An den Genitalien von kleinen Kindern hat niemand etwas verloren!"

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Interview mit Strafrechtler : „Beschneidung ist Körperverletzung“

Was raten Sie Juden und Muslimen?

Es wäre vermessen, wenn ich etwas raten würde. Es geht nicht darum, das Ritual zu verbieten. Alternativ kommt eine Verschiebung in Betracht. Wichtig ist, dass es zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem die Kinder in der Lage sind, die Tragweite dieses Eingriffs abzuschätzen. Das ist nicht zwingend mit der Religionsmündigkeit mit 14 Jahren der Fall, doch spätestens mit der Volljährigkeit.

Haben Sie mit der Debatte gerechnet?

Mir war bewusst, dass das ein sehr sensibles Thema ist. Dass das Kölner Urteil zu einer so grundlegenden Debatte führt, habe ich mir nicht vorgestellt. Ich finde aber richtig, dass es sie gibt. Dadurch wird unsere Gesellschaft nicht religionsfeindlicher, sondern wir werden uns bewusster über das Verhältnis zu Religionen und über die Bedeutung von Kinderrechten.

Kommentare besonders im Internet haben einen hasserfüllten Ton. Sie erklären aus einer vermeintlich aufgeklärten Position heraus den Juden und Muslimen, warum sie mit ihren „barbarischen“ Praktiken aufhören müssen. Erschreckt Sie das? 

Ja. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass diese Kommentare die Debatte beherrschen. Ich finde, dass überwiegend eine sehr differenzierte Diskussion stattfindet. Dabei lässt sich die Zustimmung von der falschen Seite leider nicht vermeiden. Das muss eine Demokratie aushalten.

Reagiert die Politik angemessen?

Der deutsche Staat hat eine besondere Verantwortung für den Schutz religiöser Minderheiten. Aber rechtfertigt die Staatsräson, dass man sich über das Grundgesetz und das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit hinwegsetzt? Das ist zweifellos ein Dilemma, das in meinen Augen aber nicht zulasten der Kinder und ihrer körperlichen Unversehrtheit aufgelöst werden darf.

CDU, FDP und SPD haben bekräftigt, dass es noch im Herbst ein Gesetz geben soll, das die Knabenbeschneidung legalisiert. Würgt man damit die Diskussion ab?

Ich denke schon. Ich wünsche mir, dass wir differenziert diskutieren und nicht unter der Drohung, dass jüdisches Leben hier nicht mehr stattfinden kann. Es wäre falsch, wenn es zu einem Gesetz kommt, das nicht genau durchdacht ist. Das kann zu massiven juristischen Folgeproblemen führen.

Foto: Holm Putzke
Foto: Holm PutzkeFoto: picture alliance / ZB

Zum Beispiel?

Es gibt auch die religiöse Beschneidung von Mädchen.

Das ist doch nicht vergleichbar und würde ja auch nicht erlaubt!

Nehmen wir an, eine Beschneiderin aus einem afrikanischen Dorf kommt hierher, sagt, okay, ich entferne nicht mehr Klitoris und Schamlippen, sondern steche nur einmal mit der Nadel in die Schamlippen. Wenn wir die religiöse Beschneidung bei Jungen gestatten, müssten wir das nicht auch zulassen? Zweifellos ist das Einstechen nicht eingriffsintensiver als das Abschneiden der kompletten Vorhaut. Die Antwort lautet ganz klar: nein. An den Genitalien von kleinen Kindern hat niemand etwas verloren, auch nicht, wenn es nur um einen kleinen Stich geht.

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