Was Thierse von Steinmeier, Gabriel und Steinbrück hält

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Interview mit Wolfgang Thierse : "Ich wollte nie so aussehen wie die Funktionärstypen"

Es hat auf Länderebene Möglichkeiten für Koalitionen gegeben. Beispielsweise in Thüringen, wo Linkspartei und SPD die Unionsregierung hätten ablösen können.

Ja, es hat mehrere tatsächliche Koalitionen gegeben. Aber ein Sozialdemokrat kann nicht Stellvertreter eines Ministerpräsidenten der Linkspartei werden, nicht in Thüringen und auch nicht anderswo. Das hat auch etwas mit dem Stolz einer großen alten Partei zu tun. Das wäre die Niederlage der SPD 23 Jahre nach der Wiedervereinigung gewesen, schließlich ist die Ost-SPD gegen den totalen Machtanspruch der SED gegründet worden. So lange ist das noch nicht her.

Werden Sie, obwohl Sie nicht mehr für den nächsten Bundestag kandidieren, im nächsten Jahr für die SPD wahlkämpfen?

Ein Wahlkampf ist physisch und psychisch sehr belastend. Ich werde nächstes Jahr 70 Jahre alt und werde mir das nicht mehr antun.

Soll sich die SPD noch dieses Jahr für einen Kanzlerkandidaten entscheiden?

Ich finde es vernünftig, den Kandidaten erst am Anfang des Wahljahres zu bestimmen.

Was hat die Niedersachsenwahl im Januar mit der Kanzlerkandidatur zu tun? In Hannover steht doch keiner der drei Kandidaten zur Wahl.

Das hat etwas mit positiver Erinnerung zu tun. Daran, dass wir 1998 zu Beginn eines Wahljahres eine wichtige Landtagswahl gewonnen haben.

Soll der SPD-Chef Sigmar Gabriel, der Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier oder Peer Steinbrück Kandidat werden, wenn die SPD die Landtagswahl in Niedersachsen nicht gewinnt?

Dazu sage ich nichts.

Ein Wort zu Frank-Walter Steinmeier?

Er macht seine Sache sehr gut.

Und Sigmar Gabriel?

Er hat die Rolle des Angriffsspielers, des Mittelstürmers, blendend übernommen.

Und Peer Steinbrück?

Früher gab es noch den Libero, das würde gut zu ihm passen. Die SPD kann mit dem Image eines Politikers wuchern, der für die meisten Deutschen ein hoch kompetenter Krisenbewältiger ist.

Im Moment sieht es in den Umfragen nicht gut aus für einen Regierungswechsel. Was geben Sie Ihrer Partei auf den Weg ins nächste Jahr mit?

Die SPD muss einen offensiven Wahlkampf führen. Sie muss die Zukunft des Sozialstaats, also Bildung, Mindestlohn, Rente in den Vordergrund stellen und vor allem Strategien der Krisenbewältigung und der gerechten Lastenverteilung, sprich Steuergerechtigkeit.

Die SPD hat den Euro-Rettungsschirmen der Kanzlerin immer zugestimmt. Wie kann sie jetzt einen offensiven Wahlkampf dagegen führen?

In der Grundorientierung zu Europa gibt es keine Unterschiede. Aber im Konkreten sind Fehler gemacht und Unwahrhaftigkeiten gesagt worden. Die CDU hat immer gesagt, Schulden werden nicht vergemeinschaftet, aber genau das ist längst geschehen. Ich wünsche mir den SPD-Slogan „Mehr Ehrlichkeit in Europa“.

Was wäre ehrlich?

Wir brauchen zur Krisenbewältigung und -vorbeugung viel mehr gemeinsame europäische Politik bei Wirtschaft, Finanzen, Haushalt und dafür die entsprechenden Verfassungsänderungen.

Was passiert, wenn Griechenland im Herbst die zugesagten Reformen nicht erfüllt hat?

Das weiß noch keiner. Ich wünsche mir nicht, dass Griechenland die Euro-Zone verlässt. Das wäre ein Schritt, dessen Auswirkungen wir uns alle nicht vorstellen können. Deshalb sollten wir den Verbleib Athens in der Euro-Zone mit aller Kraft verteidigen.

GERMANIST

Wolfgang Thierse, 68, geboren in Breslau, katholisch, ist Schriftsetzer und Germanist. Aus dem DDR-Kulturministerium wurde er entlassen, weil er die Biermann-Auslieferung nicht befürwortete. 1977 wechselte er an das Zentralinstitut für Literaturgeschichte und war Mitverfasser des Historischen Wörterbuchs ästhetischer Grundbegriffe.

SOZIALDEMOKRAT

1989 trat der bis dahin Parteilose ins Neue Forum ein, 1990 in die SPD. In der letzten Volkskammer war er Fraktionschef, von 1990 bis 2005 stellvertretender SPD-Parteichef.

PARLAMENTARIER

Thierse zog 1990 in den Bundestag ein. Bis 1998 war er Vize-Fraktionschef. Dann wählte ihn das Parlament zum Bundestagspräsidenten. Seit 2005 ist er Vizepräsident. Thierse wird 2013 nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Der frühere DDR-Bürgerrechtler engagiert sich seit Jahren intensiv gegen Rechtsextremismus.

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