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Iran gegen Israel : Auf Kollisionskurs in Syrien

Warum nach dem Abschuss eines israelischen F-16-Bombers die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen Jerusalem und Teheran wächst.

Abgeschossen. Ein israelischer F-16-Bomber wurde am Sonnabend von der syrischen Flugabwehr getroffen. Die Piloten überlebten.
Abgeschossen. Ein israelischer F-16-Bomber wurde am Sonnabend von der syrischen Flugabwehr getroffen. Die Piloten überlebten.Foto: Ronen Zvulun/Reuters

An Israels Nordgrenze wird es ungemütlich. Und das hatte sich schon seit vielen Monaten angedeutet. Immer wieder ließ die Regierung in Jerusalem Angriffe auf Ziele in Syrien fliegen. Und immer wieder warnte Premier Benjamin Netanjahu vor Irans Einfluss im Nachbarstaat.

Wie stark der mittlerweile ist, zeigte sich am frühen Samstagmorgen. Zum ersten Mal griff Israel direkt iranische Ziele an, nachdem eine feindliche Drohne nach Angaben des Militärs den Luftraum des jüdischen Staats durchquerte. Israels Luftwaffe schoss das unbemannte Fluggerät ab, flog Angriffe auf Ziele in Syrien und zerstörte dabei auch den Container, von dem aus die Drohne gesteuert worden sein soll.

Bei den Einsätzen wurde ein israelischer Pilot schwer verletzt, als er mit dem Fallschirm aus seinem F-16-Bomber sprang. Das Flugzeug war zuvor von syrischen Flugabwehrraketen attackiert worden und stürzte auf israelischem Gebiet ab.

"Spiel mit dem Feuer"

Kurze Zeit später meldete die Armee Angriffe auf zwölf weitere Ziele in Syrien, darunter auch Teile von Irans militärischen Einrichtungen. Mehrmals heulten am Samstagmorgen im Norden Israels die Sirenen, da aus Syrien immer wieder Abwehrraketen abgefeuert wurden.

Israels Armee sieht im Vorgehen des Irans und Syriens eine klare Verletzung der Souveränität. Beide spielten „mit dem Feuer“, ließ Armeesprecher Jonathan Conricus mitteilen. „Wir sind gewillt, bereit und dazu in der Lage, jeden, der Israel angreift, einen hohen Preis dafür zahlen zu lassen. Wir sind aber nicht an einer Eskalation der Lage interessiert.“

Netanjahu warnt Teheran

Netanjahu warnte am Samstagabend vor einer neuen Eskalation. Sein Land strebe nach Frieden, werde sich aber gegen jeden Angriff und jeden Versuch verteidigen, „seine Souveränität zu verletzen“. „Der Iran will syrisches Gebiet dazu benutzen, Israel anzugreifen, mit dem erklärten Ziel, Israel zu zerstören.“ Der israelische Premier telefonierte mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und US-Außenminister Rex Tillerson. Die militärische Koordinierung Israels mit Moskau soll fortgesetzt werden. Putin warnte vor einer für alle gefährlichen Konfrontation in der Region. Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Heather Nauert zeigte sich „tief besorgt“ über die Eskalation und verwies auf „Israels souveränes Recht auf Selbstverteidigung.“ Sie richtete schwere Vorwürfe gegen Teheran, „Irans kalkulierte Eskalation der Bedrohung“ und seine Machtansprüche bringe „alle Menschen der Region – vom Jemen bis zum Libanon – in Gefahr“. Die USA würden sich den „unheilvollen Aktivitäten“ weiter entgegenstellen.

Bisher gibt es keine militärische Antwort auf die israelischen Angriffe

Ob die Situation dennoch außer Kontrolle gerät und es zu einem Krieg im Norden kommt, wagen Sicherheitsexperten noch nicht zu prognostizieren. Doch man bewege sich auf sehr dünnem Eis, heißt es. Amos Harel, Militärberichterstatter der israelischen Tageszeitung „Haaretz“, hält die Lage für enorm brisant.

„Netanjahu war bis jetzt in der Lage, Israel an den Außenlinien zu postieren und die Interessen seines Landes zu schützen, ohne sich zu sehr in die Kämpfe einzumischen. Hoffentlich bleibt es so, derzeit sieht es allerdings nach der bisher größten Herausforderung seit Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien aus.“

Die jetzigen Gefechte kommen nicht von ungefähr. Vor der Gefahr im Norden, vor allem von Seiten des Irans, warnen Netanjahu, Verteidigungsminister Avigdor Lieberman und Armeechef Gadi Eisenkot unermüdlich. Jüngst sprach der Ministerpräsident das Thema bei seinem Besuch in Russland an.

Im Gespräch mit Präsident Wladimir Putin sagte er: Wenn Teheran weiterhin seinen Einfluss in Syrien vergrößere, werde Israel dies verhindern. Laut Militärexperte Amos Harel hat es Berichte über den Versuch des Irans gegeben, Waffenfabriken in Syrien und zumindest eine in Kooperation mit der Hisbollah im Libanon zu errichten.

Syrien ist für den Iran von großer Bedeutung

Kein Wunder, dass Israel oft Angriffe auf Ziele in Syrien fliegt. Erst am Mittwoch wurde eine militärisch-wissenschaftliche Forschungseinrichtung nahe Damaskus bombardiert. Dort sollen chemische Waffen für Baschar al Assads Truppen entwickelt und an Raketentechnologie für den Iran und die libanesische Terrormiliz Hisbollah gearbeitet worden sein. Bisher blieben die israelischen Angriffe militärisch unbeantwortet. Doch es gibt keine Garantie, dass dies so bleibt.

Dass der Iran womöglich bereit ist, eine direkte Konfrontation mit den „Zionisten“ zu riskieren, hat ideologische wie geostrategische Gründe. Und im Fall von Syrien mischen sich beide. Die Ablehnung Israels als Staat, also das Absprechen des Existenzrechts, gehört dabei schon lange zum festen propagandistischen Repertoire des Regimes.

Assads treuester Verbündeter

Immer wieder wird von der Führung in Teheran gefordert, den jüdischen Staat – bei jeder passenden Gelegenheit als „kleiner Satan“ geschmäht – von der Landkarte zu tilgen. Deshalb unterstützen die Mullahs auch radikalislamistische Gruppen wie die im Gazastreifen herrschende Hamas in ihrem militanten Kampf gegen Israel – mit Geld, Waffen und Militärberatern.

Vor allem die hochgerüstete Schiitenmiliz Hisbollah spielt im machtpolitischen Kalkül des Irans eine zentrale Rolle. Die „Partei Gottes“ ist nicht nur faktisch stärkste Kraft im Libanon, sondern zählt seit dem Beginn des Aufstands gegen den syrischen Präsidenten Assad vor sieben Jahren zu den treuesten Verbündeten des Machthabers. Neben Russland garantiert der Iran damit das Überleben des syrischen Regimes.

Trügerische Ruhe. Auf den Golanhöhen, im Norden Israels, wird es zunehmend ungemütlich.
Trügerische Ruhe. Auf den Golanhöhen, im Norden Israels, wird es zunehmend ungemütlich.Foto: Ammar Awas/Reuters

Mehr noch. Mittlerweile ist es Assad gelungen, wichtige Teile des Landes wieder unter Kontrolle zu bringen – zur Zufriedenheit Teherans. Denn Syrien gilt als wichtiger Bestandteil eines „schiitischen Halbmonds“. Gemeint ist damit ein pro-iranisches Einflussgebiet, das sich vom Jemen über den Irak bis in den Libanon erstreckt. Und der verlustreiche Waffengang soll sich für Teheran auszahlen.

Eine Art Aufmarschgebiet

Dazu gehört, in Syrien dauerhaft präsent zu sein, dort nach Gutdünken schalten und walten zu können. Nicht zuletzt, um Israel in Bedrängnis zu bringen. In Jerusalem fürchtet man vor allem, Teheran und seine Stellvertreter könnten sich auf dem Golan festsetzen und daraus eine Art Aufmarschgebiet zu machen.

Für Israel ist genau das eine rote Linie. Denn es würde bedeuten: Der Iran könnte vom Libanon und von Syrien aus den jüdischen Staat in die Zange nehmen.

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