• Japans Botschafter Takeshi Yagi: "Bedrohung durch Nordkorea ist von völlig neuer Qualität"

Japans Botschafter Takeshi Yagi : "Bedrohung durch Nordkorea ist von völlig neuer Qualität"

Japans Botschafter Takeshi Yagi spricht über die Atomwaffentests des Regimes in Pjöngjang, die Bedeutung von Sanktionen und die Zusammenarbeit mit Deutschland.

Nordkoreanische Soldaten begrüßen im April Staatschef Kim Jong Un während eines militärischen Wettbewerbes.
Nordkoreanische Soldaten begrüßen im April Staatschef Kim Jong Un während eines militärischen Wettbewerbes.Foto: dpa

Herr Botschafter, die nukleare Aufrüstung Nordkoreas beunruhigt die Welt. Wie gefährlich sind diese Atomwaffen für Japan?

Wir sehen darin eine ernste, unmittelbare und beispiellose Bedrohung. Beim letzten Atomwaffentest Nordkoreas wurde eine Bombe gezündet, deren Sprengkraft mehr als zehn Mal so groß war wie die über Hiroshima abgeworfene Atombombe. Es war der dritte Test innerhalb von zwei Jahren. Nordkorea hat dieses Jahr auch mehrere ballistische Raketen abgefeuert, zwei davon flogen über Japan. Die Bedrohung ist von völlig neuer Qualität, sie betrifft nicht nur Japan, sondern die ganze Welt.

Warum?

Nach unseren Erkenntnissen steht das Regime kurz davor, die Technologie für Interkontinentalraketen zu beherrschen. Der Radius dieser Raketen ist so groß geworden, dass sie nun fast die Ostküste der USA und auch ganz Europa erreichen können. Zudem besteht die Möglichkeit, dass Nordkorea sie auch mit Chemiewaffen bestückt.

Wie lässt sich diese Gefahr eindämmen?
Der UN-Sicherheitsrat hat einstimmig eine Resolution für strenge Sanktionen beschlossen. Diese Sanktionen müssen nun vollständig umgesetzt werden. Schon mehrfach hat Nordkorea die Welt über sein Atomwaffenprogramm getäuscht, etwa in den 1990er und 2000er Jahren. Aufgrund dieser Geschichte der gescheiterten Gespräche beziehungsweise Verhandlungen ist es jetzt nicht die Zeit des Dialogs, es geht nun darum, den Druck zu erhöhen. Ein Dialog um des Dialogs willen macht keinen Sinn. Wir unterstützen die entschiedene Haltung der amerikanischen Regierung, die deutlich gemacht hat, „All options are on the table“.

Die deutsche Außenpolitik preist das Atomabkommen mit dem Iran aus dem Jahr 2016 als Vorbild für die Lösung des Nordkorea-Konfliktes. Zu Recht?

Wir könnten vielleicht aus den Erfahrungen mit dem Iran lernen. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen beiden Konflikten. Iran strebte den Besitz von Atomwaffen an. Nordkorea verfügt möglicherweise schon über sie. Deshalb trägt der Vergleich mit dem Abkommen mit Teheran nicht weit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat erklärt, Deutschland sei bereit zur Vermittlung, wenn es danach gefragt werde. Begrüßen Sie das?

Wir schätzen es, dass die Bundesregierung die Raketenabschüsse und die Atombombentests Nordkoreas aufs Schärfste verurteilt, die Solidarität mit Japan bekundet und an den Diskussionen der EU über verschärfte Sanktionen maßgeblich mitgewirkt hat. Wir hoffen, dass Deutschland in diese Richtung weiter eine konstruktive Rolle spielen wird.

Ihre Regierung wirft Nordkorea zudem vor, Japaner entführt zu haben…

In den 70er und 80er Jahren verschwanden Dutzende unserer Bürger, darunter ein 13-jähriges Mädchen. Es besteht der dringende Verdacht, dass Nordkorea sie verschleppt hat. Als Premierminister Koizumi im Jahr 2002 Pjöngjang besuchte, gestand ihm Vorsitzender Kim Jong Il, dass sein Land unserer Bürger entführt hatte. Sie sollen als Japanisch-Lehrer für nordkoreanische Spione oder für andere Zwecke genutzt worden sein. Nach diesem Geständnis hat Nordkorea fünf Verschleppte nach Japan zurückgeschickt, die anderen aber nicht. Die japanische Regierung hat offiziell 17 japanische Bürger als Entführungsopfer identifiziert, aber wir glauben, dass es noch mehr sind. Wir fordern eine sofortige Rückkehr aller Opfer.

Geht dieser Fall nur Japan an?

Nordkorea hat auch Menschen aus Südkorea und womöglich anderen Staaten entführt. Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, die Bedeutung dieses Problems zu erkennen. Es geht um schwerwiegende Verletzungen der Menschenrechte.

Wünschen Sie sich, dass Japan und die Nato enger zusammenarbeiten, etwa indem Japan den Nato-Partnern gleichgestellt wird?

Wir haben eine enge Kooperation mit der Nato, aber vom Status eines Nato-Mitglieds sind wir noch entfernt. Wir reden mit den Nato-Staaten darüber, unsere Partnerschaft weiter zu verstärken.
Japan, Indien, Brasilien und Deutschland werben für eine Reform des UN-Sicherheitsrates, wollen ständige Mitglieder werden.

Was würde die Welt dadurch gewinnen?

Die Struktur des Sicherheitsrates spiegelt die Ordnung der Welt von vor 70 Jahren wider. Die Welt hat sich seither drastisch verändert. Deshalb müssen sich auch die Strukturen der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates ändern. Dafür werben wir seit mehr als 20 Jahren, und wir arbeiten weiter daran, damit unsere Initiative ein Erfolg wird.

Ganz Afrika mit mehr als 50 Staaten hat keinen ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Warum sollte die Reform Staaten überzeugen, die keine Industrie- oder Schwellenländer sind?

Wir berücksichtigen diese Bedenken. Wir werben dafür, dass auch andere Regionen wie zum Beispiel Afrika im erweiterten Sicherheitsrat vertreten sein sollen.

US-Präsident Trump hat das Transpazifische Freihandelsabkommens (TPP) gekündigt. Wie sehr schadet das Japan?

In habe selbst an den TPP-bezüglichen Verhandlungen teilgenommen, damals arbeitete ich im Außenministerium. Wir bedauern, dass der neue Präsident sich von diesem Abkommen zurückzieht. Nun bemühen wir uns darum, das Abkommen auch ohne die USA mit den elf übrigen Staaten zum Erfolg zu bringen.

Die EU und Japan streben ein eigenes Freihandelsabkommen (JEFTA) an. Wann wird es fertig sein?

Wir haben im Juli nach mehr als vierjährigen Verhandlungen eine Grundsatzeinigung über JEFTA erreicht. Es wird noch ein bisschen Zeit brauchen, den konkreten Text fertigzustellen. Wir wollen das Abkommen so schnell wie möglich unterzeichnen und abschließen.

Das Abkommen soll auch Zölle abbauen. Müssen deutsche und europäische Autobauer Angst vor japanischer Konkurrenz haben?

Beide Seiten profitieren von dem Abkommen. Wir sind sehr froh, dass in der EU keine Zölle auf japanische Autos mehr erhoben werden, wenn das Abkommen in Kraft tritt. Aber auch die EU wird dann einen Nutzen haben, weil wir zum Beispiel den Marktzugang für europäische Agrarprodukte und die Regulierungen für europäische Autos verbessern. Wir werden auch die Möglichkeiten erweitern, sich um öffentliche Aufträge zu bewerben.

Wie steht es um die Beziehungen zwischen Japan und Deutschland?

Manche sagen, unsere Beziehungen sind so gut, dass sie schon wieder langweilig sind. Aber das ist nur ein Scherz. Wir sind beide führende Industrienationen und stehen wichtigen gemeinsamen Aufgaben gegenüber wie dem demografischem Wandel, der Digitalisierung, dem Klimawandel. Noch wichtiger ist, dass wir grundlegende Werte teilen wie Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Angesichts neuer Bedrohungen und Krisen ist es sehr wichtig, dass Japan und Deutschland, die unter den führenden Nationen relative stabile politische und wirtschaftliche Verhältnisse haben, weiter eng zusammenarbeiten. Das ist nicht nur für unsere beiden Staaten wichtig, sondern für die ganze Welt.

Auf welchen Feldern können Japan und Deutschland voneinander lernen?

Etwa bei der Bewältigung des demografischen Wandels. Wir müssen sowohl dem Geburtenrückgang als auch der Überalterung entgegentreten. Unsere Geburtenrate ist ähnlich niedrig wie die in Deutschland, wir wollen sie von zur Zeit 1,44 auf 1,8 steigern, auch ohne eine konkrete Frist. Beide Regierungen setzen auf ähnliche Instrumente, wollen es mit mehr Kitas und mehr Erziehern für Familien einfacher machen, Kinder großzuziehen und versuchen, Beruf und Familienarbeit leichter vereinbar zu machen. Dazu treiben wir Arbeitsstilreformen voran; zum Beispiel, planen wir gerade eine Verkürzung von Arbeitszeiten, konkret werden wir die Zahl der Überstunden pro Monat gesetzlich auf 45 begrenzen. Des Weiteren wollen wir Frauen in der Arbeitswelt stärken, denn internationale Statistiken zeigen, je weiter fortgeschritten die aktive Teilhabe von Frauen ist, desto höher kann die Geburtenziffer werden. In den letzten vier Jahren ist die Frauenerwerbsquote in der Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen von 67.7 % auf 72.7 % gestiegen. Auch im Bereich der Überalterung stehen beide Länder vor ähnlichen Herausforderungen und können viel voneinander über Pflegesysteme, Pflegefachkräfte und so weiter lernen.

Wenn es um Fortschrittstechniken wie Industrie 4.0 geht, Robotik, künstliche Intelligenz – was kann Deutschland auf diesen Feldern von Japan lernen?
Wir sprechen von „Society 5.0“, denn wir sind überzeugt, dass die neuen Technologien für sämtliche Industriezweige und die gesamte Gesellschaft wichtig werden. Wir setzen Informationstechnologie im Gesundheitswesen ein, in Krankenhäusern, bei der Prävention und in Pflegeheimen. Ein anderer Bereich ist die Revolution der Mobilität, ich denke an autonomes Fahren, E-Mobilität, größere Bewegungsfreiheit für Behinderte oder Senioren. Auch Infrastruktur- und Stadtentwicklung, einschließlich des Katastrophenschutzes, kann mit den neuen Technologien effizienter durchgeführt werden. Unser Konzept ist, die verschiedensten Dinge miteinander zu verbinden, etwa Menschen mit Maschinen, Unternehmen mit Unternehmen und Menschen mit Menschen. Damit streben wir an, nötige Waren und Dienstleistungen den Menschen, die sie benötigen, zur geforderter Zeit und in der erforderlichen Menge bereitzustellen.

Japan wird 2020 die olympischen Sommerspiele veranstalten. Welche Botschaft wollen Sie damit verbinden?

Die Sommerspiele finden neun Jahre nach dem großen Erdbeben von 2011 statt. Wir wollen 2020 zeigen, dass unser Land diese Katastrohe gemeistert hat und wie gut wir mit dem Wiederaufbau vorangekommen ist. Mit den Paralympischen Spielen werden wir zeigen, dass Japan ein barrierefreies Land ist, in dem auch Menschen mit Behinderung ein gutes und selbstbestimmtes Leben führen können. Wir möchten die Gelegenheit auch dazu nutzen, die vielfältigen Attraktivitäten Japans, wie Kultur und Sport, zu präsentieren. Für Deutschland haben sich bislang sechzehn japanische Städte als „Host Towns“ registrieren lassen und werben als Standort für Trainingslager für deutsche Olympiasportler. Damit soll ein breiter Austausch auf der Ebene der Bürger gestaltet werden.
Welche sportlichen Erfolge streben Sie an?

Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro lagen wir mit insgesamt 41 Medaillen knapp hinter Deutschland, nur eine Medaille trennte uns. Ich hoffe sehr, dass unsere beide Länder erneut sehr gut abschneiden und dass Japan diesmal vielleicht knapp vor Deutschland liegt.

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