zum Hauptinhalt
Sonnenuntergang in Istanbul

© Getty Images/iStockphoto

Tagesspiegel Plus

„Jetzt abhauen oder nie“: Tausende junge Russen und Kreative suchen Exil in Istanbul

Tausende Russen sind in die Türkei geflohen und werden dort freundlich empfangen. Viele wollen ihre Familien nachholen – haben aber kaum Geld.

Julia und ihre Freunde leben am Bosporus von Luft und Liebe – aber wie lange noch? Keine Ahnung, sagt der 22-jährige Alexander: „Wir wissen ja nicht mal, wie es morgen weiter geht.“ Trotzdem lacht der junge Russe vergnügt unter seiner lila Kapuze hervor, die er gegen die winterliche Kälte in Istanbul hochgeschlagen hat: Die Euphorie der Freiheit trägt ihn durch die ersten Tage und Wochen des Exils aus Russland.

Keine zwei Wochen ist es her, dass Julia und Alexander aus ihrer Heimatstadt Jekaterinburg getürmt sind – zwei von tausenden Russen, die seit Kriegsausbruch ihr Land verlassen haben.

Die Türkei ist eines der wenigen Länder, in die sie ohne Visum einreisen können. In Istanbul sammeln sich deshalb russische Künstler, Intellektuelle, Journalisten und auch viele junge Leute, die nach dem Angriff auf die Ukraine keine Zukunft mehr in Russland sehen. Was nun aus ihnen werden soll, ist eine Frage, die viele sich im ersten Schock noch gar nicht stellen können.

„Jetzt abhauen oder nie“, habe es ihn durchzuckt, als der Krieg ausbrach, erzählt Alexander, und auch für seine Freundin Julia war das keine Frage. „Ich dachte bisher, dass die meisten Leute in meiner Umgebung genauso denken wie ich“, sagt die 24-Jährige. „Doch dann wollte niemand gegen den Krieg aufstehen, und da war mir klar: Unter solchen Menschen kann ich nicht mehr leben.“ Nur ein paar Kleider habe sie dabei, sagt Julia, sonst habe sie nichts mitnehmen können.

Auch das Geld ist knapp, denn an ihre russischen Bankkonten kommen die beiden nicht mehr heran. Im Internet haben sie über eine studentische Job-Börse ein Hostel auf der asiatischen Seite von Istanbul gefunden, wo sie ihre Übernachtungskosten durch Mitarbeit abdienen können – so liegen sie zumindest nicht auf der Straße.

Inzwischen sind dort schon zehn Zimmer von russischen Emigranten belegt, und überall in Istanbul treffen Julia und Alexander auf Schicksalsgenossen. Das gebe ihr Kraft, erzählt Julia: „Exil schafft wahnsinnig viel Gemeinschaftsgefühl.“

Eriwan, Tiflis oder Istanbul – die Schlupflöcher zur Außenwelt

Auch den dritten Freund in ihrem Kleeblatt haben Julia und Alexander dabei aufgegabelt. Der 25-jährige Viktor aus Krasnodar hatte es nach seiner Ausreise aus Russland erst in der armenischen Hauptstadt Eriwan versucht und dann im georgischen Tiflis, bevor er schließlich in Istanbul landete – die drei Schlupflöcher zur Außenwelt, die fliehenden Russen außer Zentralasien noch offenstehen.

In Eriwan und Tiflis sei es aber aussichtslos, sagt Viktor, der für eine internationale Firma in der Informationstechnologie arbeitet und hofft, seinen Job im Exil behalten zu können, wenn auch zu drastisch geschrumpftem Gehalt, weil das in Rubel bemessen wird.

Russen und Belarussen warten am Flughafen in Eriwan auf ein Taxi (Symbolbild).
Russen und Belarussen warten am Flughafen in Eriwan auf ein Taxi (Symbolbild).

© AFP / Karen Minasyan

Zu provinziell seien die beiden Kaukasus-Städte, erzählt Viktor: In Tiflis habe er nicht einmal einen Laptop auftreiben können. In Istanbul fühlt er sich wohler, zumal er hier von Einwohnern herzlich empfangen worden sei, aber von Dauer kann diese Zuflucht auch nicht sein. Selbst die Türkei gewährt russischen Staatsbürgern nur 90 Tage Aufenthalt, bis sie eine Aufenthaltserlaubnis erwerben müssen – und die gibt es auch hier nicht ohne weiteres.

Bekümmert blicken die Freunde auf die Frage nach ihren Familien. Die Eltern zurückzulassen – das sei schon schwer, sagt Viktor. „Aber in Russland sind alle Leute, die älter sind als 30 Jahre, vom staatlichen Fernsehen komplett abgerichtet“, sagt er. „Da dringt man mit der Wahrheit einfach nicht mehr durch.“

Exil-Russen treffen sich zu Benefizkonzert für die Ukraine

Um der Welt zu zeigen, dass dennoch nicht alle Russen den Krieg gegen die Ukraine unterstützen, sind die drei Freunde und hunderte weitere junge Russen zu einem Solidaritätskonzert für die Ukraine gekommen, das der russische Rapper Oxxxymiron in einem Kellerclub in Istanbul gibt.

„Im Moment ist es ja in Russland nicht möglich, ein Anti-Kriegs-Konzert zu geben, weil dort – so verrückt das klingt – jeder Protest gegen Krieg verboten ist“, sagte der bekannte Künstler, als er seine Auftritte in Moskau absagte und das Konzert in Istanbul ankündigte. „Die Zensur ist total.“

Zwei Frauen halten Anti-Kriegs-Poster vor einem Benefizkonzert des russischen Rappers Oxxxymiron in Istanbul.
Zwei Frauen halten Anti-Kriegs-Poster vor einem Benefizkonzert des russischen Rappers Oxxxymiron in Istanbul.

© REUTERS / Dilara Senkaya

„Nein zum Krieg“ skandieren die Konzertbesucher vor dem Einlass auf Russisch in der Gasse vor dem Club. Unter ihnen ist auch der 31-jährige Valentin, der von der Krim geflohen ist, weil er eine russische Generalmobilmachung befürchtet und nicht in den Krieg geschickt werden will. Sein Erspartes hat der Ingenieur, der in der Erdölindustrie arbeitet, in Bargeld mitgebracht.

Davon wolle er sich eine Wohnung bei Antalya an der türkischen Mittelmeerküste kaufen und dann seine Freundin und Mutter nachholen, sagt er. Der Flughafen in Moskau, auf dem er von der Krim umstieg nach Istanbul, sei überfüllt gewesen mit Familien, die mit großem Gepäck und ihren Haustieren unterwegs waren, erzählt er: Da würden noch viele Menschen kommen.

„Wir lieben Russland“ – wenn alles vorbei ist, wollen sie zurück

Wie viele bisher gekommen sind, dazu gibt es noch keine belastbaren Zahlen. Zwar reisten schon im Januar drei- bis viermal so viele Russen in die Türkei ein wie in den Vorjahren, doch aktuellere Statistiken liegen noch nicht vor – und die Zahlen im Februar und März dürften weit höher liegen. Allein der Verein der Auslandspresse in Istanbul vermittelte schon Dutzenden russischen Journalisten vorläufige Quartiere.

Ein Kurator aus der Istanbuler Kunstszene berichtet von Moskauer Museen, deren Belegschaften fast komplett nach Istanbul geflohen sind und nun mit ihren letzten paar Dollar in Zimmern zur Untermiete sitzen und nach Kontakten zu Museen und Mäzenen am Bosporus suchen: Eine neue Zeitenwende für die Stadt, die schon vor hundert Jahren einmal tausende russische Flüchtlinge aufnahm.

Zurück nach Russland werden auch die jüngsten Emigranten in absehbarer Zeit nicht können, glauben Julia, Alexander und Viktor, aber die Hoffnung auf bessere Zeiten in ihrer Heimat wollen sie bewahren. Denn eines will Viktor festgehalten wissen: „Wir lieben Russland.“

Hinweis: Die Namen wurden auf Wunsch der Gesprächspartner geändert.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false