Ein "Staat Judää" neben dem Staat Israel?

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Jüdischer Extremismus in Israel : Wie im Alten Testament
Werner Sonne
Israelische Flaggen über einem Haus im Osten Jerusalems, im Hintergrund die Al-Aqsa-Moschee.
Israelische Flaggen über einem Haus im Osten Jerusalems, im Hintergrund die Al-Aqsa-Moschee.Foto: AFP

Sprung in die Gegenwart: „Flammen haben unser Land erfasst. Flammen der Gewalt, des Hasses und des Irrglaubens“, sagt Israels Präsident Reuven Rivlin. Es brauchte einen besonders brutalen Brandanschlag, um Israel in der Realität ankommen zu lassen, die sich historisch so lange aufgebaut hatte. Ein anderthalb Jahre altes palästinensisches Kind verbrannte, der Vater erlag später seinen Verletzungen. Fast gleichzeitig stach ein religiöser Fanatiker in Jerusalem auf die Teilnehmer einer Schwulenparade ein und tötete eine junge Frau. Zuvor war eine symbolträchtige christliche Kirche am Tiberiassee in Flammen aufgegangen.

Ein Propagandafest für die israelische Linke, sollte man meinen, die immer schon vor dem Erstarken der nationalen und der religiösen Fanatiker gewarnt hatte. Doch der entsetzte Aufschrei ging sehr viel weiter, ergriff auch die Mitte, ließ auch Kommentatoren zur Feder greifen, die sonst durchaus für eine harte Hand gegen arabischen Terror, etwa in Gaza, plädieren.

Gewalt gegen Palästinenser durch jüdische Siedler gehört seit Jahren zum Alltag, Drangsalierungen, Handgreiflichkeiten, das Verbrennen von Feldern und Olivenbäumen, das Abreißen von Häusern, Erniedrigungen durch das Militär an den vielen Checkpoints. Und auch die lange Kette palästinensischer Gegengewalt, Messerattacken auf Polizisten, Steinewerfen auf Siedlerautos, auch tödliche Anschläge.

Man fühlt sich in das Alte Testament zurückversetzt. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Doch, so argumentiert die Kommentatorin Sima Kadmon, wenn es bei uns passiert, dann reden wir vom Einzelfall eines Verrückten, wenn es bei denen passiert, dann reden wir immer von mörderischen Terroristen. Und kommt zu dem Schluss: „Wir sind nicht besser als unsere Feinde“.


Ron Ben-Yishai war vor 40 Jahren der erste israelische Fernsehkorrespondent in Deutschland, heute ist er einer der bekanntesten Sicherheitsexperten seines Landes. Er geht noch einen Schritt weiter. “Dies ist jüdischer Jihad,identisch in jedem Detail mit dem islamischen Jihad” – nur dass es kein Massenphänomen sei. Denn auch diese Täter beriefen sich darauf, nur Gottes Willen umzusetzen. Weder die Sicherheitsbehörden, die Knesset und auch nicht die Gerichte könnten ihre Hände in Unschuld waschen. „Hätten sie die jüdischen Terroristen so behandelt wie sie die arabischen Terroristen behandeln, hätten sie viele dieser Akte des Mordes, der Brandstiftung und des Vandalismus verhindern können“

Bradley Burston brachte es in Haaretz wohl am schmerzlichsten auf den Punkt, und er betont, es falle ihm schwer, dies zu schreiben, weil er sich immer gegen diesen Vergleich verwahrt habe: „Es ist Zeit, es zuzugeben. Die israelische Politik ist das, was sie ist: Apartheid“ .Gekennzeichnet durch unterschiedliche Maßstäbe bei der Behandlung von Arabern und Juden, und da passe es ins Bild, wenn die neue Justizministerin Ayelet Shaked, eine ultrarechte Politikerin aus dem Siedlerlager, jetzt eine Gesetz anstrebe, das die Strafe für Steinewerfen, Protestwaffe vor allem palästinensischer Jugendlicher, auf 20 Jahre anheben soll.

Schnelllebige Kommentare von Journalisten, die genauso schnell auch wieder vergessen sind? Ihre Urteile freilich werden unterstützt von einem Mann, der es wirklich wissen muss: Yuval Diskin, lange Jahre Chef des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet. Er sieht besorgt, neben dem Staat Israel entstehe de facto ein „Staat Judäa“. Dort gebe es unterschiedliche Standards, unterschiedliche Wertesysteme, unterschiedliche Einstellungen zur Demokratie, und zwei verschiedene Justizsysteme, und die Sicherheitsbehörden dort seien gegenüber Juden „schockierend schwach“ . Im Staat Judäa hätten sich, unterstützt von hunderten junger Aktivisten, über die Jahre anarchistische, anti-staatliche, gewalttätige und rassistische Ideologien entwickelt, und „sie werden vom israelischen Justizsystem tolerant behandelt“. Die bittere Schlussfolgerung des Ex-Geheimdienstchefs: Dieser „jüdische Terrorismus“ sei ein „Krebs im Körper der Nation“

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