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Kampf gegen Kunststoffmüll : EU beschließt Verbot von Einweg-Plastik

Gewaltige Mengen Plastikmüll landen in den Ozeanen. Die Europäische Union bringt nun Gegenmaßnahmen auf den Weg. Einige Alltagsprodukte sollen verschwinden.

Die EU will die Menge an Lebensmittel-Verpackungen reduzieren.
Die EU will die Menge an Lebensmittel-Verpackungen reduzieren.Foto: dpa/Arno Burgi

Weihnachtsmärkte, Grillpartys oder Schulfeste werden schon in zwei Jahren wohl ganz anders aussehen - ohne Plastikteller, Plastikbesteck oder Trinkhalme. Die Europäische Union macht Ernst mit dem im Frühjahr angekündigten Verbot solcher Wegwerfprodukte aus Kunststoff, die letztlich sehr oft in der Umwelt landen und vor allem die Weltmeere in ungeahntem Maße zumüllen.

So schmerzlich der Abschied von vertrauten und praktischen Alltagsgegenständen ist - die Einigung der EU-Länder mit dem Europaparlament am frühen Mittwochmorgen wurde von vielen Seiten geradezu bejubelt. „Diese Vereinbarung hilft wirklich, unsere Menschen und unseren Planeten zu schützen“, schrieb EU-Kommissionsvize Frans Timmermans.

Auch die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze begrüßte das Verbot als „ganz wichtigen Schritt“ begrüßt. Sie sei „sehr froh“, dass viele Wegwerfprodukte aus Plastik ab 2021 in der EU verboten würden, sagte die SPD-Politikerin am Mittwoch in Berlin. Die Vermüllung der Meere sei ein gravierendes Problem, das nur international bekämpft werden könne. „Und deswegen brauchen wir eine Trendwende im Kampf gegen die Plastikflut“, sagte Schulze: „Wir wollen und müssen weg von dieser Wegwerfkultur.“

Sie sei sicher, dass das Verbot zu innovativeren und umweltfreundlicheren Produkten führen werde. Aus Umweltsicht sei Mehrweg, also wiederverwertbare Artikel, das Mittel der Wahl, betonte die Ministerin. „Hersteller, Handel, Gastronomie wissen jetzt, wo die Reise hingeht.“ Fürs kommende Jahr sei ein Branchendialog ins Auge gefasst, um Alternativen zu finden.

Die deutschen Abfallentsorger lobten den Plan, die Grünen sprachen von einem Weihnachtsgeschenk für Umwelt und Menschen. Und EU-Umweltkommissar Karmenu Vella sagte es so: „Wenn es so ist, dass du in einem Jahr deinen Fisch in einer Plastiktüte nach Hause bringst und im nächsten Jahr bringst du dann die Tüte im Fisch mit, dann müssen wir hart arbeiten und schnell arbeiten.“

Gemünzt ist das auf die Erkenntnis, dass ohne Gegensteuern schon in wenigen Jahren mehr Plastik in den Meeren schwimmen könnte als Fisch. „Wenn wir nicht ändern, wie wir Plastik produzieren und nutzen, wird es 2050 mehr Plastik als Fisch in unseren Ozeanen geben“, warnte Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans im Januar. Meerestiere verenden elend an Plastikteilchen. Und selbst Menschen haben Mikroplastik inzwischen im Körper.

Für ihre Verhältnisse arbeitete die Europäische Union tatsächlich in Blitzgeschwindigkeit: Nur ein gutes halbes Jahr nach dem ersten Vorschlag der EU-Kommission steht ein Verbot von diversen Plastikwegwerfartikeln, für die es Alternativen gibt. 2021 sollen sie in ganz Europa vom Markt verschwinden.

Dazu gehören neben Plastiktellern- und -Besteck, Strohhalmen, Luftballonstäben und Wattestäbchen auch Behälter und Becher aus aufgeschäumtem Polystyrol, das oft genutzt wird, um Heißes warm zu halten. Imbissbuden müssen sich also nach einer Alternative umsehen. Das könnten etwa Holzbestecke sein oder Glastrinkhalme. Zudem sollen auch alle Produkte aus sogenanntem oxo-abbaubarem Kunststoff verboten werden, weil der Stoff in Mikroplastik zerfällt und Umwelt und Gesundheit belasten kann.

Plastikmüll liegt am Strand von Ko Sih Chang, einer Insel im Golf von Thailand.
Plastikmüll liegt am Strand von Ko Sih Chang, einer Insel im Golf von Thailand.Foto: picture alliance / Christoph Sat

Produkte, für die es keinen guten Ersatz gibt, sollen nicht verboten, aber doch zurückgedrängt werden, darunter Plastikbehälter für Fastfood und Plastikbecher samt Deckel. Einige Einmalartikel mit Kunststoffgehalt sollen einen Hinweis für eine geeignete Entsorgung erhalten, um auch Verbraucher in die Pflicht zu nehmen. Dazu gehören zum Beispiel Feuchttücher.

PET-Flaschen müssen ab 2025 zu mindestens 25 Prozent aus Recycling-Plastik bestehen, was den EU-Staaten einen Anreiz für Sammelsysteme geben soll. Bis 2030 soll der Anteil auf 30 Prozent klettern. Deutschland hat ja bereits das Einwegpfand, hier dürfte sich für Verbraucher wenig ändern. Neu ist aber, dass Deckel von Einwegflaschen aus Kunststoff spätestens fünf Jahre nach Inkrafttreten der Regelung immer mit der Flasche verbunden sein müssen, damit sie nicht einzeln in der Umwelt landen.

Ausstoß von Kohlendioxid um 3,4 Millionen Tonnen verringern

„Ich glaube, es ist uns hier wirklich etwas Einzigartiges gelungen, wir sind weltweit Vorreiter“, sagte die österreichische Umweltministerin und Verhandlungsführerin Elisabeth Köstinger erleichtert am Mittwochmorgen in Brüssel. „Das ist ein sehr, sehr wichtiges Signal dagegen, dass die Plastikverschmutzung mittlerweile wirklich immens um sich greift.“

Umstellen muss sich nun vor allem die Kunststoffbranche, die nach Behördenangaben 2015 einen Umsatz von 340 Milliarden Euro machte und 1,5 Millionen Menschen beschäftigte. Und auch für die Tabakindustrie ist das Plastikpaket eine bittere Pille. Denn darin steckt die Pflicht für Hersteller, sich an den Kosten für das Einsammeln von Zigarettenstummeln zu beteiligen. Die Filter enthalten ebenfalls Kunststoff und sind nach EU-Angaben eines der Plastikwegwerfprodukte, die am häufigsten in der Umwelt landen. Die Entwicklung von Filtern ohne Kunststoffe solle vorangetrieben werden, mahnen die EU-Unterhändler in ihrem Kompromisspaket.

Die EU-Kommission verspricht sich von dem Plan große Umweltvorteile. Die Maßnahmen sollen den Ausstoß von Kohlendioxid um 3,4 Millionen Tonnen verringern. Bis 2030 könnten Umweltschäden im Wert von 22 Milliarden Euro vermieden werden, hieß es. Verbraucher könnten bis zu 6,5 Milliarden Euro sparen.
(dpa)

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