• Kampf um Tory-Vorsitz und Regierungssitz: Hunt siegt gegen Johnson und wird wohl trotzdem verlieren

Kampf um Tory-Vorsitz und Regierungssitz : Hunt siegt gegen Johnson und wird wohl trotzdem verlieren

Außenminister Jeremy Hunt überzeugt in der TV-Debatte. Britischer Premier wird wohl dennoch Boris Johnson werden. Ein Kommentar.

Außenminister Jeremy Hunt überzeugt in der TV-Debatte gegen Boris Johnson. Es bringt ihm nur voraussichtlich nicht viel.
Außenminister Jeremy Hunt überzeugt in der TV-Debatte gegen Boris Johnson. Es bringt ihm nur voraussichtlich nicht viel.Foto: Matt Frost/AFP

Das Fernsehduell mit Boris Johnson in der Nacht zu Mittwoch war die letzte Chance für Jeremy Hunt, vielleicht doch noch Parteivorsitzender der Tories und britischer Premierminister zu werden. Er hat sie genutzt. Und doch wird ihm das wohl wenig nutzen. Die Abstimmung der Parteimitglieder ist längst in vollem Gang, mehr als die Hälfte hat bereits votiert, und Johnson führt nach verbreiteter Einschätzung klar.

Hunt hätte in der Debatte einen verbalen K.o.-Schlag gebraucht, damit die Konservativen, die noch nicht abgestimmt haben, sich in den verbleibenden zwei Wochen in überwältigender Mehrheit für ihn entscheiden. Es reichte nur für einen Punktsieg. Und der ist, wie die Dinge liegen, ein Sieg zu spät.

"Ein Lächeln - und du vergisst die Frage"

Der teils hitzige und meist witzige Wortwechsel um den Brexit, neue Verhandlungen mit der EU, die Gefahren eines "No Deal" und die Affäre um die Äußerungen des britischen Botschafters in den USA über Trump ist ein lohnendes Lehrstück, warum es so schwer ist, Johnson zu fassen zu bekommen - und nicht nur rhetorisch einen Schlag zu landen, sondern ihn aus der Balance zu bringen. Hunt war gut vorbereitet und erklärte den Zuschauern in einem vergifteten Kompliment humorvoll, wie "Boris" vorgeht: "Er hat diese wunderbare Gabe - du stellst ihm eine Frage, er zaubert (mit einem Witz) ein Lächeln auf dein Gesicht, und du vergisst, was eigentlich die Frage war." Das sei "eine großartige Eigenschaft für einen Politiker, nicht aber für einen Premierminister".

Und dann geschah genau das. Die Sprache kam auf das Brexit-Datum. Johnson hat sich festgelegt: Großbritannien verlässt am 31. Oktober die EU, entweder im Rahmen eines nachgebesserten Vertrags mit der EU oder im Zuge des "No Deal". Hunt will keinen "No Deal" und würde, wenn die Nachverhandlungen mit der EU mehr Zeit verlangen, mehr Zeit zugestehen. Hunt sprach Johnson auf dessen Festlegung an, die Erfüllung des Brexit-Versprechens zum 31. Oktober sei eine Frage des "do or die" - liefern oder sterben. Verspreche Johnson zurücktreten, wenn es ihm nicht gelinge, Großbritannien bis Ende Oktober aus der EU zu führen?

Wie wäre es mit Weihnachten?

Johnson unterbrach Hunt dabei mehrfach und bemühte sich, den Vorwurf umzudrehen: Hunt wolle sich nicht auf den 31. Oktober festlegen, sondern "kick the can down the road", also nur immer weiter Zeit gewinnen. Hunt sei ein "Defätist". Die Moderatorin nahm Johnsons Gegenfrage auf, wie lange Hunt nachverhandeln wolle: ein paar Tage, Wochen oder bis Weihnachten? Johnson ergriff die Gelegenheit und echote immer wieder mit breitem Grinsen "Wie wäre es mit Weihnachten?", während Hunt zu erklären versuchte, warum eine Verlängerung verantwortungsvoller sei als ein "No Deal"-Austritt zum 31. Oktober. Johnson kam damit durch, die Frage nicht zu beantworten, ob er zurücktrete, wenn er sein zentrales Versprechen nicht erfülle. Ein Witz, ein Lächeln, und man vergisst, um welche Frage es eigentlich ging.

Ähnlich verlief der Schlagabtausch bei den Kosten des "No Deal" und bei der Frage, ob London den britischen Botschafter in Washington wegen dessen Konflikt mit Trump zurückrufen oder an ihm festhalten solle. Das Parlament hat sich wegen der wirtschaftlichen Kosten gegen einen "No Deal"-Brexit ausgesprochen; es ist die Variante mit der größten Ablehnung. Johnson behauptete in der Debatte, wenn man das richtig vorbereite seien die Kosten der Kappung der Verträge mit der EU ohne eine Auffanglösung "verschwindend gering". Im Übrigen werde die EU nachgeben, wenn Großbritannien hart bleibe und konsequent am Datum 31. Oktober festhalte.

Sagen, was ist - oder, was die Menschen hören wollen

Hunt sprach den psychologischen Mechanismus in solchen politischen Momenten offen an: Politiker sollten den Bürgern nicht sagen, was sie hören wollen, sondern was sie wissen müssen, auch wenn sie es nicht hören wollen. Johnson setzt darauf, dass im Zweifel dennoch eher die Politiker gewählt werden, die das Versprechen, was die Menschen hören wollen.

Auch im Streit um den britischen Botschafter Kim Darroch in den USA legte sich Hunt fest - er werde ihn stützen und keinesfalls abziehen. Johnson ließ offen, was er tun werde. Durch ein Leak war bekannt geworden, wie Darroch Trump und dessen Regierung in internen Berichten einschätzt: "unfähig", "dysfunktional", schwer vorhersehbar, diplomatisch ungeschickt, unsicher ... Trump hatte erklärt, er sei nicht mehr zur Zusammenarbeit mit dem Botschafter bereit und erwarte dessen Abberufung.

Im direkten Vergleich wirkte Johnson wie ein liebenswerter Hallodri: schlagfertig, bauernschlau, ausweichend aber dabei witzig. Hunt wirkte berechenbarer, war stärker bemüht, Handlungsoptionen nachvollziehbar zu machen, zu erklären, was geht und was nicht geht; und vor allem natürlich, Johnson als einen unzuverlässigen Politiker vorzuführen, der nur so tut, als lege er sich fest, sich tatsächlich aber alle möglichen Optionen offen hält.

Johnson wird Premierminister. Und vermeidet den "No Deal"-Brexit

Nach Gesprächen mit britischen Politikern und Bürgern bleibt dieser Eindruck: Die Briten erwarten, dass Johnson Parteivorsitzender und Premierminister wird. Nicht aber, dass er die harte Brexit-Linie durchzieht. An das Versprechen beider Männer, in Nachverhandlungen mit der EU einen besseren Austrittsvertrag zu erreichen, glaubt kaum jemand. Die EU hat das auch ausgeschlossen.

Johnson werde den "No Deal" aber auch nicht riskieren, egal was er heute sage, lautet die Prognose. Ende Oktober werde von "do or die" keine Rede mehr sein. Ganz staatsmännisch werde er erklären, die Bürger müssten nun entscheiden, wie es weitergehen solle. Und Neuwahlen ausrufen. Das Brexit-Drama kann noch lange weitergehen.

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