Der Herzens-Europäer: Martin Schulz

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Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl : Einer muss es machen bei der SPD
EU-Parlamentspräsident Martin Schulz.
EU-Parlamentspräsident Martin Schulz.Foto: dpa

Der scheidende EU-Parlamentspräsident ist gleichsam über Nacht zum Hoffnungsträger vieler Sozialdemokraten geworden. Ein Herzens-Europäer, der Haltung zeigt und den die einfachen Leute verstehen – allein die Vorstellung, Martin Schulz könne antreten, beflügelt die Fantasie. Bessere Umfragewerte als Gabriel hat er ohnehin. Darin liegt seine Chance. Je größer die Erfolgsaussichten von Schulz, umso größer der Druck auf Gabriel, zugunsten des Publikumslieblings zu verzichten. Aber: Schulz ist nicht mehr Herr über seine politische Zukunft. Er kann nur abwarten, bis sein Parteivorsitzender sich endlich entschieden hat.

Wahlkampf-Talent

Als Redner ist er fast so gut wie Gabriel, manchmal sogar besser. Und er weckt bei den Genossen den Stolz auf Grundwerte und Geschichte. Martin Schulz erinnert die Sozialdemokraten an ihre Tradition, dem Nationalismus als solidarische Kraft die Stirn zu bieten. Das macht einen Teil der Begeisterung aus, die er bei Auftritten an der SPD-Basis auslöst. Allerdings: Keiner weiß, wie sattelfest der langjährige Europapolitiker bei innenpolitischen Themen ist. Ein SPD-Kanzlerkandidat, der zum Beispiel in der Rentenpolitik nicht genau Bescheid weiß, wäre schnell unten durch. Bei den Genossen und den Wählern.

Kanzlertauglichkeit

Regiert hat Martin Schulz bisher nur seine Heimatstadt: Der frühere Buchhändler war mehr als zehn Jahre Bürgermeister von Würselen bei Aachen (39000 Einwohner). Zu wenig Erfahrung fürs Kanzleramt, sagen manche in der SPD. Politischer Profi ist der 60Jährige trotzdem. Innerhalb Europas besser vernetzt als jeder andere deutsche Politiker, hat er heikle Verhandlungen zum Erfolg geführt – und zuletzt das Freihandelsabkommen Ceta mit Kanada gerettet. Als Präsident erkämpfte er für das Europaparlament erstmals großen Einfluss. Abitur hat er nicht, spricht dafür aber fünf Sprachen.

Bataillone

Ausgerechnet in Sigmar Gabriels Landesverband, der Niedersachsen-SPD, sitzen die größten Fans von Martin Schulz. Ministerpräsident Stephan Weil hat sogar öffentlich für ihn geworben. Hintergrund: Gabriel ist bei den Landes-Genossen als unberechenbar verschrien. Als weitere Schulz-Unterstützer gelten SPD-Vize Ralf Stegner und andere Parteilinke, außerdem der Landesverband Baden-Württemberg und die Jusos.

Prognose

Der ehrgeizige Europapolitiker muss sich voraussichtlich mit dem Außenministerium begnügen. Kanzlerkandidat kann er ohnehin nur werden, wenn Gabriel verzichtet. In diesem Fall könnte es zum Machtkampf mit Olaf Scholz kommen. Bei einer Urwahl des Kanzlerkandidaten hätte Schulz als momentaner Liebling der Basis wohl bessere Karten. Aber: Ob es dann überhaupt zu einer Mitgliederbefragung käme, ist fraglich. Die mächtige NRW- SPD will vor der Landtagswahl Personaldiskussionen vermeiden, würde deshalb alle Hebel in Bewegung setzen, um das langwierige Verfahren zu verhindern.

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