Früher ging es um Volkserziehung, seit 1990 geht es vor allem um Geld

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Kanzlerworte zum Neuen Jahr : Brühwürfel der Geschichte
1986 vertauschte die ARD die Rede von Helmut Kohl - und sendete die aus dem Vorjahr. Kohl glaubte an Absicht.
1986 vertauschte die ARD die Rede von Helmut Kohl - und sendete die aus dem Vorjahr. Kohl glaubte an Absicht.Foto: picture alliance / dpa

Es ist mit dieser Feststellung kein Wort darüber gesagt, ob die Politikziele von heute kleiner sind als früher. Niemand kann sagen, ob beispielsweise ein Klimawandel mit seinen Auswirkungen denen des Ersten oder des Zweiten Weltkriegs näherkommt. Es ist unter Fachleuten umstritten, ab welcher Höhe eine Staatsverschuldung in der Lage ist, ein Land zu erledigen. Ebenso, wie viel weniger „gutes Miteinander in unserem Land“ als derzeit die Bundesrepublik noch kompensieren kann. Das alles können Katastrophenszenarien sein. Was eben nur auffällt: Die infrage kommenden Lösungen haben oft mit Zahlen zu tun. Mit Verwaltungsarbeit und Euro-Beträgen und damit, wer von wem mehr oder weniger bekommt als zuvor.

Wovon war stattdessen früher gleich noch mal die Rede? Noch einmal Heuss 1949: „Der Katalog der deutschen Not und Nöte ist unabsehbar. Wollte ich ihn reihen, so würde es eine Kette grauen Elends sein, und morgen würden die Briefe kommen: Aber mich, uns, unsere Gruppe hast du vergessen? Weißt du nichts davon?“

Heuss tadelte das mürrische Volk: Bierbankreden seien der falsche Weg

Es waren die ersten Aufräum- und Aufbaujahre, und Heuss sprach ganz unverblümt von Not. Er sprach aber auch davon, dass der Staat nicht jedem dabei helfen könne, sie zu lindern. Er wünschte sich stattdessen die Selbstermächtigung der Menschen. Denen, bei denen man diesbezüglich ein bisschen deutlicher werden muss, sagte er: „Das Schimpfen und Höhnen an der Bierbank ist nicht die rechte Begleitmusik. Wollt ihr wieder den Reichstag der 30er Jahre, wo alles so glatt ging? Es war der glatte Weg, der in den Abgrund führte.“

Das war keine Überheblichkeit. Heuss sprach damals zu Menschen – die er trotz allem Leid und allem Monströsen, das sie erlebt und auch angerichtet hatten – für mündig hielt. Er hatte, so lesen sich die Ansprachen, weder Angst vor ihnen noch wollte er geliebt werden. Das Ergebnis war: Er bekam Respekt.

Auch Nachfolger Heinrich Lübke, der als eher unbegabter Redner in die Geschichte einging, sprach solche Sätze. „Selbstzufriedenheit und Sattheit machen sich bei einem Teil unseres Volkes in nicht gerade angenehmer Weise bemerkbar“, sagte er 1959. Ein paar Jahre später nahm er sich die eigene Klasse vor. „Schaden gelitten hat das Ansehen der parlamentarischen Demokratie auch deshalb, weil manche Politiker meinen, sie könnten durch sogenannte Wahlgeschenke den Einfluss ihrer Parteien sichern und stärken.“

Die Gesellschaft hat sich gefunden, heute wird nur noch repariert

Wer weiß, in den Ohren der Menschen von heute klänge all dies womöglich wie eine Anstiftung zum Aufruhr. Einen solchen hat es in der Geschichte der Bundesrepublik ja auch mindestens ein Mal gegeben, 1968 war das, und Bundespräsident Gustav Heinemann ging darauf ein. „Dieser Unruhe verdanken wir – das möchte ich nachdrücklich sagen – viele fruchtbare Anstöße. Dieser selben Jugend aber sage ich, dass sie ihre Ziele verfehlt, wenn sie ihre Eltern, ihre Lehrer oder das sogenannte Establishment wie Feinde behandelt und demütigen will.“

Alles in allem sind viele der Silvesteransprachen des letzten Jahrhunderts klare Ansagen an eine Gesellschaft, die sich erst noch finden musste. Dies ist in der Zwischenzeit ganz offensichtlich geschehen. Was nun noch zu tun bleibt, sind Reparatur- und Ausbesserungsarbeiten und das permanente Reagieren auf die Welt drumherum, die sich ja weiterdreht. Und die Politik kann vielleicht nicht anders, als dabei auf jenes Mittel zurückzugreifen, das eben jene Welt regiert.

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