Rollentausch 1970: Ab jetzt blickt der Kanzler nach vorn - wie es sich gehört

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Kanzlerworte zum Neuen Jahr : Brühwürfel der Geschichte
Der Mann vor dem Tor. Gerhard Schröder verkündete dem Volk, dass harte Zeiten kommen werden.
Der Mann vor dem Tor. Gerhard Schröder verkündete dem Volk, dass harte Zeiten kommen werden.Foto: picture-alliance / dpa

Heuss, der Bundespräsident. Der Brühwürfel ist ins Wasser gefallen, er löst sich auf, und er macht seine Extrakte für die Nachgeborenen genieß- und wahrnehmbar. Von 1949 an bis 1969 war der Präsident für die Neujahrsansprache zuständig. Um das benachbarte Ritual der alljährlichen Weihnachtsansprache kümmerten sich in diesen beiden Jahrzehnten die Kanzler. Völlig „seltsam“ aus heutiger Sicht, sagt Mertes, das entspräche „so gar nicht dem Bild, das wir uns von der Rollenverteilung zwischen den beiden wichtigsten Leitfiguren der Republik machen“.

Die Rollenverteilung aus Mertes’ Sicht ist die, in der ein Bundespräsident gewissermaßen für die Salbung zuständig ist. Für Weihnachten, für das Fest der Liebe und die Gefühle, die die Menschen in diesen Tagen befallen. Er ist dann verantwortlich für Harmonie und Konsens, fürs Überparteiliche sowieso und fürs Unpolitische obendrein.

Nüchternheit statt Seelsorge

Kanzler hingegen mögen eine handfeste Bilanz des vergangenen Jahres ziehen, vor allem aber sollten sie vorausschauen. Sie haben Bericht zu erstatten über die kommenden Zumutungen und darüber, wie ihre Regierung damit umzugehen gedenkt. Es geht um Nüchternheit statt Seelsorge.

Willy Brandt gibt Mertes recht. Er war der letzte Bundeskanzler, der eine Weihnachtsansprache hielt, und er sagte damals: „Gefühlvolle Deklamationen sind nicht meine Sache. Verantwortliches politisches Handeln zwingt zum nüchternen Denken.“

Helmut Schmidt, fünf Jahre und eine Woche später: „Es war ein schwieriges Jahr. Der Fall des Spions Guillaume hat einen schmerzlichen Regierungswechsel in Bonn ausgelöst. Die terroristischen Kommunisten der Baader-Meinhof- Gruppe haben uns beunruhigt. Welt-Inflation und Welt-Erdölkrise haben in allen Industriestaaten der Erde große wirtschaftliche Schwierigkeiten herbeigeführt.“

Helmut Kohl: „In meinem Zehn- Punkte-Programm zur deutschen Einheit habe ich den Weg aufgezeigt, wie das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangen kann. Die Zulassung unabhängiger Parteien und freie Wahlen in der DDR sind wichtige Schritte auf diesem Wege.“

Gerhard Schröder: „Wir werden unseren Wohlstand, unsere soziale Sicherheit, unsere guten Schulen, Straßen und Krankenhäuser ... nur erhalten können, wenn wir uns auf unsere Kräfte besinnen und gemeinsam den Mut zu grundlegenden Veränderungen aufbringen. ... Wir werden dabei in jeder Hinsicht ein Mehr an Eigenverantwortung brauchen.“

Angela Merkel: „Besonders wichtig ist mir, dass wir unsere Finanzen der nächsten Generation geordnet übergeben, dass wir die Energiewende zum Erfolg führen, dass wir gute Arbeit und ein gutes Miteinander in unserem Land haben.“

Die Reden destillieren auch deutsche Geschichte

Der Brühwürfel ist voller Eckdaten. Wer kein Geschichtsbuch in die Hand nehmen mag, dem liefert er Stichworte. Den Anlass von Brandts Abschied von der Macht lässt er aufscheinen, die Wiedervereinigung, die Sozialstaatsreformen und europaweite Schuldenkrisen. Dazu kommen ein bisschen Eigenlob und jene zukünftigen Wichtigkeiten. Wer allerdings wissen will, ob diese von der Politik tatsächlich ernst genommen wurden oder nur behauptet waren, der braucht mindestens ein Jahr Geduld.

Aus den Ansprachen lässt sich aber noch etwas anderes ablesen. Die deutsche Politik an sich scheint ihr Wesen zu verändern. Sie verabschiedet sich von sich selbst. Am Anfang hatte sie zu klären, was aus den Bundesdeutschen nach dem Krieg werden sollte. Sie hatte das von ihr gemeinte Volk zu begeistern, zu einen und auch zu spalten. Es ging um gröbste Klötze und dickste Bretter – und das paradoxerweise bei einem eingeengten Handlungsspielraum. Es gab ja noch die Alliierten.

Aus all dem ist im Lauf der Zeit wenig mehr geworden als bloße Mathematik. Seit mit der geglückten Wiedervereinigung der letzte Haken hinter die zu lösenden Nachkriegsaufgaben gesetzt wurde, wird oft nur noch gerechnet.

Das Sozialsystem erscheint als zu teuer? Setzen wir uns also hin, bemühen das Einmaleins, die Bruchrechnung und Verhältnisgleichungen, und hinterher wissen wir, wer warum wie viel weniger Fürsorgegeld bekommt.

Wir wollen einen Klimawandel bremsen? Hinsetzen, rechnen, gewünschte Kohlendioxidreduktion abgleichen mit den vermuteten Investitionskosten. Danach teilen wir mit, wer wie viel davon bezahlen soll.

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