Katholische Kirche : Die Kirche muss die Missbrauchsopfer anhören

„Ich schäme mich an dieser Stelle für meine Kirche“, sagt Kardinal Woelki zu den Missbrauchsfällen. „An dieser Stelle“ hätte er weglassen können. Ein Kommentar.

Eine "Messe der Vergebung" anlässlich der Missbrauchsfälle in einer Kirche in den USA.
Eine "Messe der Vergebung" anlässlich der Missbrauchsfälle in einer Kirche in den USA.Foto: dpa

Das kann man wohl sagen: Wer sich als Seelsorger und Diener Gottes an Menschen schuldig gemacht hat, der hat seine Aufgabe pervertiert. Und so sagt es Kardinal Rainer Maria Woelki, schonungslos. Gottlob. Zu lange ist geschwiegen oder drumherum geredet worden. Ja doch, es geht um Perversion. In jederlei Hinsicht. Wie gut, dass wenigstens einer, dieser, einer von den Großen unter den Katholiken, sagt: „Ich schäme mich an dieser Stelle für meine Kirche.“ Nur das „an dieser Stelle“ hätte Woelki auch noch weglassen können. Denn es gibt vieles in den vielen Jahrhunderten, das den Kirchenoberen noch nachträglich Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Die Verliese des Vatikan sind groß und düster. Wie die Archive.

Dass es in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland 3677 Betroffene sexueller Übergriffe von mindestens 1670 Priestern gab, dass es sich bei den – erfassten! – Betroffenen überwiegend um männliche Minderjährige handelte, meist jünger als 14 Jahre – das heißt: Die Sache ist monströs.

Hart ist die Kirche, wenn es um ihre Dogmen geht - nicht in der Aufklärung

Die Dunkelziffer wird hoch sein. Und wer weiß, wie die katholische Kirche bisher mit dem Thema Missbrauch umgegangen ist, kann nicht darauf vertrauen, dass sie die schuldigen Priester verfolgt. Da ist sie härter, wenn es um ihre Dogmen geht. Zum Beispiel, wenn einer zweiten Mal heiraten und doch in einem katholische Krankenhaus praktizieren will.

Dass die Ergebnisse der Missbrauchsstudie schon jetzt bekannt geworden sind, weit vor der Herbstvollversammlung der Bischöfe am 25. September, dokumentiert das Misstrauen. Da sollte wohl verhindert werden, dass vor allem intern geredet wird und dann auch nur darüber, wie die Krisenkommunikation am besten läuft. Nein, es ist zu viel Leid hinter all den Zahlen. Und für dieses Leid muss die Kirche Buße tun. Auch da hat Woelki recht. Sie muss auf die Knie vor den Opfern. Sie muss die Betroffenen anhören, öffentlich, in den Kirchen, unterm Kreuz. Sie muss es aushalten, darf nicht widersprechen. Und: Vertuschen war gestern. Da ist besonders Reinhard Marx, Deutschland höchster katholischer Würdenträger gefragt. Er muss auch verhindern, dass dieser Sündenfall erst im Februar beim Papst besprochen wird.

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