Politik : Kein Plan

Die Nato will den Wiederaufbau vorantreiben – aber weiß nicht genau wie

Ulrike Scheffer

Berlin - Es soll das Jahr der Offensiven werden in Afghanistan. In den kommenden Wochen, so hat die Nato angekündigt, will sie massiv gegen die Taliban vorgehen – wenn diese aus ihren Winterquartieren in den Bergen zurückkehren. Doch bei den für den umkämpften Süden und Osten Afghanistans verantwortlichen Nato-Partnern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Frieden mit Waffengewalt allein nicht gewonnen werden kann. Deshalb will auch Washington der militärischen Offensive schnellstmöglich eine Hilfsoffensive folgen lassen. Noch ist allerdings unklar, wie diese genau aussehen soll: „Es gibt dafür keine speziellen Pläne, denn schon jetzt ist vieles in Arbeit“, so der knappe Kommentar eines Nato-Sprechers in Kabul.

Mit konkreten Erfolgsmeldungen tut sich die Allianz schwer, denn wo Krieg geführt wird, werden selbst kleine Fortschritte schnell wieder zunichtegemacht. In der südlichen Provinz Helmand mussten bereits 2700 Familien vor den Auseinandersetzungen fliehen. Sie werden nun notdürftig von den UN versorgt. Noch schlimmer sieht es in der Nachbarprovinz Kandahar aus: Hier sind rund 15 000 Familien obdachlos geworden. Dennoch: Besonders die USA sind entschlossen, den Ankündigungen Taten folgen zu lassen. Zwei Milliarden US-Dollar will die Regierung in Washington in den kommenden zwei Jahren in den Wiederaufbau Afghanistans investieren. Im Süden sollen davon unter anderem Kraftwerke für die Stromversorgung in der Region Kandahar gebaut werden, wie der Staatssekretär im State Department, Nicholas Burns, kürzlich in Washington ankündigte.

Und Deutschland? Gibt es auch aus Berlin Hilfszusagen für die Zeit nach der geplanten Nato-Offensive? „Unsere Entwicklungszusammenarbeit folgt einer zivilen Strategie, nicht der Strategie der Nato“, wird dazu im Entwicklungsministerium versichert. Im Außenministerium klingt das diplomatischer: „Sicherheit und Wiederaufbau bedingen sich gegenseitig. Es besteht internationale Einigkeit, dass der zivile Wiederaufbau gerade in den bisher weniger erreichten Gebieten verstärkt werden muss. Neben humanitären Hilfsmaßnahmen fördert die Bundesregierung bereits heute Entwicklungsprojekte auch im Süden und Osten und wird dies, in Abhängigkeit von der Entwicklung der Sicherheitslage, weiter ausbauen“, sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Bisher fließen deutsche Gelder in den Kampfgebieten in kleinere kommunale Aufbauprojekte und in die Nothilfe für Kriegsflüchtlinge. Mit einer Million Euro wurde außerdem der Bau einer 4,5 Kilometer langen Verbindungsstraße zur Hauptverkehrsader zwischen Kabul und Kandahar finanziert. Doch Deutschland hat der Regierung in Kabul zugesagt, die Hilfe für dieses Jahr um 20 Millionen Euro auf insgesamt 100 Millionen aufzustocken. „Aus unserer Sicht sollten diese Mittel auch für Projekte im Süden des Landes eingesetzt werden, zum Beispiel im Bildungsbereich und zugunsten von Mädchen“, so Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD).

Schnelle Veränderungen, wie sie die Nato anstrebt, wird es im Süden und Osten Afghanistans kaum geben. Aus Sicht von Experten ist dies ohnehin keine Frage der Mittel. Im Süden könne eine Stabilisierung nur gelingen, „wenn das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewonnen wird“, schreibt Citha Maaß von der Stiftung Wissenschaft und Politik in einer Analyse der Lage in Afghanistan. Praktiker wissen, was das bedeutet: „Erst, wenn Erfolge sichtbar werden, kommt das Vertrauen zurück“, sagt Simone Pott von der Deutschen Welthungerhilfe. Das wird mindestens ein bis zwei Jahre dauern.

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