Kein Staat in Sicht : Wie die Menschen in Beirut um ihre Stadt und das Überleben kämpfen

Zweieinhalb Wochen nach der Explosion im Libanon ist klar: Auf die Regierenden will sich kaum jemand verlassen. Und viele hatten Glück im Unglück.

Fatima Abbas
Ein Junge in Beirut trägt ein Huhn auf seiner Schulter.
Ein Junge in Beirut trägt ein Huhn auf seiner Schulter.Foto: REUTERS/Hannah McKay

Die blutverschmierte Hand des Generalsekretärs hat sich eingeprägt. Als Abdruck in der Parteizentrale der libanesischen Kataeb-Partei. Er entstand, kurz bevor im Libanon am Abend des 4. August kein Stein mehr auf dem anderen lag.

Der deutsche CDU-Bundestagsabgeordnete Marian Wendt hat die Hand gesehen, er hat die Zentrale der nationalkonservativen Schwesterpartei besucht. Knapp zwei Wochen nach der Katastrophe ist der deutsche Politiker, Mitglied des Innenausschusses im Bundestag, in ein Flugzeug gestiegen, um sich in Beirut das Ausmaß der Katastrophe zeigen zu lassen.

Der Kataeb-Generalsekretär Nazar Najarian, um den seine Parteifreunde nun trauern, ist eines von 178 Todesopfern, die der Libanon seit der Explosion von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat am Hafen der Hauptstadt zu beklagen hat.

Wendt hat aus dem Land einen langen Wunschzettel mitgebracht, auf dem, wie er sagt, vor allem „Basics“ stehen. Die Grundversorgung. Im Libanon kann sie der Staat nicht mehr gewährleisten.

250 Millionen Euro will die internationale Gemeinschaft geben

Der Leiter des libanesischen Zivilschutzes habe etwa um eine einfache Drehleiter gebeten. Noch immer sind die Menschen mit den Aufräumarbeiten beschäftigt, Tausende sind weiterhin obdachlos.

Während vor der Krise überwiegend syrische Flüchtlinge von der medizinischen NGO-Versorgung vor Ort Gebrauch gemacht hätten, seien es „nun vermehrt Libanesen“, berichtet Wendt. Auch hier: kein Staat in Sicht.

Beirut: Geflüchtete aus Syrien ruhen sich auf provisorischen Betten vor ihrem zerstörten Haus aus.
Beirut: Geflüchtete aus Syrien ruhen sich auf provisorischen Betten vor ihrem zerstörten Haus aus.Foto: Felipe Dana/AP/dpa

Deutschland hat Millionenhilfen zugesichert – und zum Teil bereits gewährt. Am Wochenende nach der Katastrophe landete in Beirut ein erster Flug des Deutschen Roten Kreuzes mit Schutzausrüstung, Medikamenten und Verbandsmaterial für die mehr als 6000 Verletzten. Die Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro übernahm das Auswärtige Amt.

Am 9. August kamen Vertreter von mehr als 30 Ländern zu einer virtuellen Geberkonferenz zusammen. Über 250 Millionen Euro will die internationale Gemeinschaft dem Libanon bereitstellen, die EU-Kommission garantierte zusätzliche 30 Millionen Euro für Soforthilfe.

Wirtschaftlicher Schaden von 15 Milliarden Dollar

Von deutscher Seite sagte Außenminister Heiko Maas (SPD) 20 Millionen Euro zu, zehn Millionen Euro aus dem Auswärtigen Amt, die andere Hälfte übernimmt das Bundesentwicklungsministerium. Wie das Außenministerium auf Tagesspiegel-Anfrage mitteilt, sind aktuell vier Millionen Euro auszahlungsbereit. Maas überreichte dem Libanesischen Roten Kreuz davon einen Scheck in Höhe von einer Million Euro.

[Mehr zum Thema: Der Libanon zwischen Wiederaufbau und Zerfall - „Wir wollen nur vergessen“]

Hinzu kommt die humanitäre Hilfe, die Deutschland seit Jahren ohnehin für das Land im Nahen Osten leistet. Seit 2012 hat der Libanon aus Berlin 640 Millionen Euro erhalten. All das ist jetzt aber nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein: Die libanesische Regierung schätzt den wirtschaftlichen Schaden nach der Detonation auf etwa 15 Milliarden US-Dollar.

Einen Ad-hoc-Beitrag leistete das Technische Hilfswerk. Gleich am Tag nach der Explosion stiegen die Helfer der Bergungseinheit SEEBA mit 15 Tonnen Ausrüstung ins Flugzeug.

Christian Wenzel war einer von 50. Er und seine Kollegen sind auf Katastropheneinsätze, wie etwa nach Erdbeben, vorbereitet. Zu dem, was sie im Libanon vorfanden, sagt der 36-Jährige: „So etwas hatten wir noch nie gesehen.“ 

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In einer Schule im nördlichen Teil von Beirut waren die THW-Helfer untergebracht. 200 Meter vom riesigen Getreidesilo entfernt, Hotspot des Unglücks, suchten Wenzel und sein Team nach Überlebenden, durchkämmten ein Areal von etwa 13 Fußballfeldern. Etwa 100 Stunden nach einer solchen Katastrophe könne man noch Überlebende finden. Die vier THW-Spürhunde fanden niemanden mehr. Am Freitagabend, drei Tage nach der Explosion, war die Suche beendet. „Wir sind erleichtert rausgegangen.“

Fundament der meisten Gebäude ist intakt

Das Silo habe wie ein Schutzschild gewirkt. Die Libanesen hätten trotz der großen Zerstörung noch Glück im Unglück gehabt, sagt Wenzel. Diesen Eindruck hatten auch die Bauingenieure, die am Wochenende nach der Explosion die Arbeit aufnahmen.

[Mehr zum Thema: Hat der Libanon noch eine Zukunft? Warum der Alptraum noch lange nicht vorbei ist]

Die Vereinten Nationen entsandten rund 60 Ingenieure aus aller Welt, 100 weitere kamen direkt aus Beirut, vier waren es aus Deutschland. Sie untersuchten 150 Gebäude in der Innenstadt, darunter Wohnblocks, Schulen und religiöse Gemeinden. Etliche Fenster und Fassaden hielten der Druckwelle nicht stand. Das Fundament der meisten Gebäude sei aber intakt geblieben, berichtet Wenzel. Ältere Gebäude seien stärker beschädigt worden als Neubauten.

Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) verschaffen sich ein Bild der Lage am Ort der schweren Explosion im Hafen Beiruts.
Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) verschaffen sich ein Bild der Lage am Ort der schweren Explosion im Hafen Beiruts.Foto: Marwan Naamani/dpa

Die Bilanz des THW-Helfers: „Ein Großteil der Gebäude ist nutzbar geblieben.“ Vielerorts müssten lediglich Leitungen repariert werden. Auch eine gute Nachricht für die vielen Obdachlosen: Sie könnten womöglich bald wieder zurück. Auch wenn das Geld für den Wiederaufbau aus dem Ausland kommen muss.

Das bestätigt auch der Abgeordnete Marian Wendt. „Es gibt kein Vertrauen in die libanesische Regierung“, habe ihm der Generalsekretär des libanesischen Roten Kreuzes gesagt. Seit Juni habe die Regierung kein Geld mehr überwiesen. Normalerweise machen staatliche Zuschüsse 30 Prozent des dortigen DRK-Budgets aus.

Hilfsgelder sollten nicht über die Banken laufen

„Die NGOs übernehmen die Aufgaben des Staates“, sagt Wendt. Das tut auch „Beit al Baraka“, übersetzt „Haus des Segens“. Die lokale Hilfsorganisation versorgt seit 2018 bedürftige Beirutis mit warmen Mahlzeiten. Nun hilft sie auch beim Wiederaufbau. Der Abgeordnete Wendt will die NGO mit einer Spendenaktion aus Deutschland unterstützen. So wie viele andere, ohne die der Libanon aktuell nicht überlebensfähig wäre.

Ein großes Problem sei es zu gewährleisten, dass die Hilfen aus dem Ausland auch bei den Adressaten ankommen, sagt Wendt. Normalerweise sei ein US-Dollar derzeit 1500 libanesische Pfund wert. Offiziell liege der Wechselkurs aber bei 7000 Pfund. Die Banken behielten die Differenz ein. Das mache Hilfen per Banküberweisung schwierig.

Deshalb nehmen die Libanesen schon seit langem ihr Schicksal und das Geld selbst in die Hand. Jetzt auch den Besen, wie THW-Helfer Christian Wenzel beobachtet hat.

Der Retter, der am Montag nach der Explosion zurückflog, ist vom Überlebenswillen der Bevölkerung beeindruckt. Davon zeugt auch das Video auf der Webseite der Hilfsorganisation „Beit al Baraka“. Die Stimme aus dem Off lässt es mit dem Satz ausklingen: „Wir Libanesen tragen jetzt Schwarz, aber die Festkleidung hängt schon im Schrank.“

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