Politik : Kinder Europas

Von wegen Einheit: Die Familienpolitik der einzelnen EU-Staaten könnte unterschiedlicher kaum sein – vier Beispiele

Matthias Thibau

GROSSBRITANNIEN

Wo die Kleinen geliebter Luxus sind

Familienförderung ist auch bei den Briten ein heißes Thema – aber nicht, weil die Briten vor dem Aussterben stehen. Sorgen machen die sozialen Folgen zerfallender Familien, Teenagerschwangerschaften, Jugendkriminalität und Schulverweigerer. Die Labour-Regierung debattiert schon, ob die Konservativen nicht recht haben, die wieder eine Förderung der traditionellen Ehe und Familie wollen. Kinder und Heiraten sind bei den Briten nämlich privater Luxus. Es gibt keine Steuerfreibeträge für Ehepartner oder Kinder, kein Ehegattensplitting, auch Kinderbetreuung oder Schulgeld kann nicht abgesetzt werden. Mutterschaftsschutz wird ab 1. April auf 39 Wochen ausgedehnt. Kindergeld ist mit monatlich 110 Euro für das erste und 74 Euro für weitere Kinder nicht übertrieben großzügig. Alle anderen Zuschüsse werden als Sozialhilfe nur an Einkommensschwache gezahlt. Dennoch liegt die Fruchtbarkeit der Britinnen mit 1,8 Geburten pro Frau auf einem 13-Jahre- Hoch. Es sind die Einwanderer, die bis 2050 laut EU-Prognose die Bevölkerungszahl um 4,5 Millionen Briten wachsen lassen. t

SCHWEDEN

Die tollen Väter aus dem Norden

In Schweden machen sich die Medien und Deutschlandkorrespondenten gerade richtig lustig über das „rückschrittliche Deutschland“, in dem vor zu vielen Kindergartenplätzen und der Schädigung der traditionellen Kernfamilie durch solche Institutionen gewarnt wird. Die schwedische Geburtenrate stieg in den letzten Jahren stetig. Auch wenn das Land noch nicht an der europäischen Babyboom-Spitze liegt, ist es immerhin auf dem Weg dorthin. Dafür sorgt neben dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes eine ganze Palette sozial durchdachter Maßnahmen. Um das Kinderkriegen zu erleichtern, wurden Kindergeld, Elterngeld, Unterhaltsgeld und Wohnungsgeld in den letzten zehn Jahren stetig über den Inflationssatz erhöht. Noch nie wurde in Schweden so viel für Kindergeld ausgegeben wie heute – auch wenn die Inflation herausgerechnet wird. Pro Kind bekommt die Familie 104 Euro im Monat. Ab drei Kindern gibt es einen Zuschlag von 28 Euro je Kind, ab vier Kindern liegt der Zuschlag pro Kind bei 84 Euro und bei fünf Kindern sind es ganze 104 Euro extra pro Kind und Monat. Der Erziehungsurlaub wurde vor zwei Jahren um einen Monat erhöht. Ganze 480 Tage Urlaub können schwedische Eltern nun zu gleichen Teilen über acht Jahre hinweg nehmen. Innerhalb der ersten 390 Tage bekommen Eltern 80 Prozent ihres Gehaltes und Eltern ohne Einkommen pauschal 20 Euro am Tag. Für die restlichen 90 Tage gibt es 6,60 Euro am Tag. Zudem ist es dem Familienministerium gelungen, durch eine groß angelegte Kampagne auch Väter für den Erziehungsurlaub zu interessieren. Zwar kann der Großteil des Erziehungsurlaubs auf nur einen Elternteil übertragen werden, aber je zwei Monate müssen Mutter als auch Vater nehmen, sonst verfallen sie. Das hat sich gelohnt. Schwedische Väter liegen inzwischen mit ihrer Bereitschaft zum Kinderurlaub an der EU-Spitze. Eine Umfrage hat ergeben, dass der Kindergarten noch vor der Polizei die staatliche Einrichtung ist, der die Schweden am meisten vertrauen. André Anwar

ITALIEN

Bambini – heiß geliebt, unversorgt

Das katholische Italien ist ein besonders kinderfreundliches Land. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Italien unterhält (zusammen mit Spanien) die geringste staatliche Familienförderung in der EU-15. Steuerlich etwa werden Eltern und Kinderlose weitgehend gleich behandelt; für den Nachwuchs gibt es praktisch keine Abzüge. Eine Art Kindergeld bekommen erst Familien mit drei und mehr Kindern; es endet aber schon bei einem Jahreseinkommen von 13 000 Euro. Plätze in Kinderkrippen sind weit weniger vorhanden als im Rest der EU; in Italiens Süden (also von der Landesmitte an abwärts) existieren sie praktisch gar nicht. Nur ein bis zwei Prozent der Null- bis Dreijährigen können dort aufgenommen werden; im industriellen Norden sind es 15 Prozent. Allerdings fördert der Staat diese Einrichtungen so wenig, dass sie für viele Familien zu teuer sind. Außerdem sind sie geografisch zu locker gestreut – damit schwer erreichbar – und haben Öffnungszeiten, die mit einem Vollzeitberuf der Eltern selten vereinbar sind. Gerade für die Frauen im Süden heißt das, dass sie den rechtlich möglichen Mutterschaftsurlaub von 15 Wochen kaum nehmen können. Normalerweise werden die Kinder immer noch bei den Großeltern geparkt; deren menschliche und monetäre Unterstützung brauchen italienische Familien auch, weil die Löhne deutlich niedriger sind als in Deutschland. Knapp zwei Drittel (61,2 Prozent) der Italienerinnen möchten gerne zwei Kinder und mehr, aus finanziellen Gründen aber – und weil die Arbeitsverhältnisse unsicherer werden – bleibt es meist bei einem Kind. So hat Italien (wieder mit Spanien) die niedrigste Geburtenrate Europas: 1,33 Kinder pro Frau. Paul Kreiner

FRANKREICH

Ziel: Eltern mit Beruf

Prämien zur Geburt, Kindergeld, Elternurlaub, Erziehungsgeld, Zuschüsse für die Beschäftigung von Tagesmüttern oder die Betreuung von kranken Kindern, Beihilfen zum Beginn des Schuljahres, Krippen für Kleinkinder, kostenlose Kindergärten, Ganztagsschulen und Vorteile bei der Einkommensteuer – Familienpolitik wird in Frankreich groß geschrieben. 3,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wendet der Staat für die verschiedenen direkten und indirekten Förderungsmaßnahmen auf. Im Mittelpunkt stehen die Leistungen der Familienkasse, eines Zweigs der Sozialversicherung, der zu zwei Dritteln von den Arbeitgebern und zu einem Drittel vom Staat finanziert wird. Das vom Einkommen unabhängige Kindergeld gibt es erst ab dem zweiten Kind, und zwar 119 Euro im Monat. Ab dem dritten sind es 271 Euro und für jedes weitere 152 Euro mehr. Für Krippen und Kindergärten müssen die Gemeinden sorgen. Krippenplätze gibt es jedoch nicht genug, während jedem Kind ab drei Jahren eine Vorschulerziehung in einer „école maternelle“ garantiert ist. Ziel der Familienpolitik ist es heute vor allem, Familien vor der Verarmung zu bewahren und die Lage berufstätiger Mütter – 80 Prozent der Frauen zwischen 25 und 40 Jahren – zu erleichtern. Das Ergebnis lässt sich sehen: Mit 2,07 Geburten je Frau steht Frankreich heute in Europa an der Spitze. Hans-Hagen Bremer

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