"Das tut doch eine Mutter nicht"

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Kindesmisshandlung : Die Wütenden
Armin Lehmann

Eine ganz andere Sicht auf ihn hat man bei der Berliner Polizei. Dort ist zu hören, dass die Abteilung 125 des Landeskriminalamtes (LKA), die sich als einziges Kommissariat in Deutschland ausschließlich „um Delikte an Schutzbefohlenen ohne sexuellen Hintergrund kümmert“, erst mit Tsokos’ Dienstantritt 2007 einen festen Ansprechpartner bekam.

Gina Graichen, Erste Kriminalhauptkommissarin dieser Abteilung, äußert sich nicht zum Buch, sagt aber: „Eine öffentliche Diskussion über das Thema Kindesmisshandlung kann nur zum Wohle der Kinder sein, weil so wieder einmal ins Bewusstsein rückt, was meist nur im Verborgenen stattfindet. Wir reden ja nicht über seltene Ausnahmen, sondern über weiterhin hohe Fallzahlen, die auf einem sehr hohen Niveau stagnieren.“

Von Hämatomen und Bissverletzungen übersät

Wenn man Tsokos, Etzold oder Graichen einzeln zuhört, bekommt man die gleichen Geschichten erzählt, Geschichten von Richtern, die trotz rechtsmedizinischem Gutachten glauben, „das tut doch eine Mutter nicht“, Eltern, die auf Biegen und Brechen lügen oder überzeugt sind, dass es niemanden etwas angehe, „was ich mit meinem Kind mache“, Behördenmitarbeiter und Ärzte, die es richtig finden, dass das „Elternrecht im Zweifel vor dem Kindeswohl steht“.

Eines Tages wird der dreijährige Tyler Reese in eine Berliner Klinik gebracht. Er ist mit Hämatomen und Bissverletzungen unter anderem im Genitalbereich übersät. Als Saskia Etzold, Tsokos’ Kollegin, den Jungen untersucht, wird schnell klar, dass er misshandelt worden ist. Das rechtsmedizinische Gutachten ist eindeutig, der Freund der Mutter steht unter Tatverdacht, im Gericht erklären die Rechtsmediziner, dass die Verletzungen eindeutig vom Gebiss eines erwachsenen Menschen stammten. Doch der mutmaßliche Täter kommt frei, weil die Mutter behauptet, zwei Freunde ihres Liebhabers seien ja auch noch zu Besuch gewesen. Möglicherweise habe sich einer von ihnen an dem Jungen vergriffen.

Immer wieder machen Tsokos und Etzold solche Erfahrungen. Sie bilden den Kern ihrer Empörung. Er trägt als Gutachter vor und denkt, die haben das jetzt alle verstanden, „dass das Kind getötet wurde“. Oft habe er so gedacht – um eines Besseren belehrt zu werden.

Vernachlässigt, misshandelt, gestorben. Immer wieder müssen in Deutschland Kinder sterben, weil sie von den Eltern misshandelt wurden
Vernachlässigt, misshandelt, gestorben. Immer wieder müssen in Deutschland Kinder sterben, weil sie von den Eltern misshandelt...Foto: dpa


Rechtsmediziner wie Tsokos oder Püschel sind nicht im Gericht, wenn das Urteil fällt, es informiert sie kein Staatsanwalt und kein Richter. Michael Tsokos erzählt: „Einmal bin ich morgens um sieben Uhr zur Arbeit gefahren und habe im Radio von einem Freispruch gehört.“ Ein anderes Mal liest es ihm seine Frau aus der Zeitung vor. In seinem Büro guckt Tsokos jetzt mit starren Augen, sehr konzentriert, man merkt, er bemüht sich um Contenance. „Es haut mich jedes Mal von den Füßen, ich kann es nicht begreifen.“ Im Buch steht, „dass Rechtsmediziner viel zu selten Gehör finden“.

"Sie müssen sich etwas Schönes gönnen"

Ein paar Meter von Tsokos’ Büro entfernt ist das Dienstzimmer von Saskia Guddat, der Co-Autorin, Fachärztin am Institut. Sie heißt jetzt Etzold, weil sie Ende 2013 geheiratet und den Namen ihres Mannes angenommen hat. An ihrer Tür ein Schild: „Ich bin keine Zicke!“ Im Zimmer eine Frau, blonder Pagenkopf, Designerbrille, die unverstellt fröhlich wirkt, mit feiner Ironie und auffallend präzise redet.
Während Tsokos dreimal die Woche zum Taekwondo geht, zur „Psychohygiene“, wie beide sagen, reguliert Etzold ihre Stimmung auf dem Crosstrainer. Oder geht shoppen. „Oder ich heirate!“ Sie lacht jetzt wieder, aber es ist ja ernst: „Sie müssen sich etwas Schönes gönnen, um sich zu regulieren. Sonst können sie den Job nicht machen.“ Wer Emotionen zeige, sei als Gutachter raus. So seien die Spielregeln.

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel.
Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel.Foto: Kai-Uwe Heinrich


Sie weiß, dass das Buch eine Zumutung ist und Angriffsflächen bietet, weil man kaum glauben kann, dass die Verallgemeinerungen zutreffen. Sie lacht schon wieder, es klingt bitter: „Sie treffen zu.“ Sie ist vollkommen davon überzeugt, dass es an der Zeit war für ein solches Buch. Sie ist da mit sich im Reinen. Und sie wird sich zu verteidigen wissen, wenn die „erwartbaren Angriffe“ kommen.
Als beide noch darüber diskutierten, ob sie der Öffentlichkeit ein solches Buch zumuten können, wird Etzold in eine Klinik gerufen: mal wieder ein Kind mit Knochenbrüchen und zahlreichen Hämatomen. Sie erfährt, dass eine Mutter auf einem Spielplatz die Familie beobachtet habe und misstrauisch wurde. Sie sprach den Vater an, der aggressiv reagierte. Daraufhin alarmierte sie die Polizei. Es ist genau das richtigeVerhalten, von dem die Polizei immer sagt, es komme viel zu selten vor.
Saskia Etzold ist vom Mut der Frau beeindruckt. Auf dem Weg zurück ins Institut denkt sie, dass sie nicht von anderen Zivilcourage verlangen und selbst nicht danach handeln könne. Sie erzählt Tsokos von dem Fall und beiden ist plötzlich klar: Wir machen das Buch jetzt! Denn die Privatsphäre der Eltern, so werden sie es später formulieren, „muss dort enden, wo sie für die Misshandlung von Kindern missbraucht wird“.

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel und schreibt vor allem Porträts für die Dritte Seite oder kümmert sich um den Zehlendorf Blog, das Online-Magazin für den Südwesten Berlins.

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