Klimapolitik und Afghanistankrieg : Gerechtigkeit für Margot Käßmann!

„Nichts ist gut in Sachen Klima" und „Nichts ist gut in Afghanistan". Für diese beiden Sätze war Margot Käßmann einst verhöhnt worden. Ein Kommentar.

Margot Käßmann, evangelische Theologin.
Margot Käßmann, evangelische Theologin.Foto: Holger Hollemann/dpa

Um Margot Käßmann ist es ruhig geworden. Seit vielen Jahren ist sie nicht mehr Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Zuletzt amtierte sie als „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“. Auf dem Kirchentag in Dortmund wird die Theologin in gut drei Wochen eine Bibelarbeit halten. Da wird der Saal wieder überfüllt sein. Denn populär ist Käßmann immer noch. Ihre Bücher sind Bestseller, ihre Auftritte charismatisch.

Die größte Aufregung in ihrer Amtszeit als EKD-Ratsvorsitzende verursachte Käßmann durch ihre Neujahrspredigt am Abend des 1. Januar 2010 im Berliner Dom. Es war ein Festgottesdienst mit Abendmahl. Wörtlich sagte die Bischöfin: „Nichts ist gut in Sachen Klima, wenn weiter die Gesinnung vorherrscht: Nach uns die Sintflut! Da ist erschrecken angesagt und Mut zum Handeln, gerade nach dem Klimagipfel in Kopenhagen. - Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. (…) Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.“

„Nichts ist gut in Sachen Klima“ und „Nichts ist gut in Afghanistan“. Diese beiden Sätze blieben hängen, der zu Afghanistan löste die schärfsten Reaktionen aus. Das sei ein „hochmütiges, in jeder Hinsicht falsches Pauschalurteil“, sagte der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und ehemalige Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, Klaus Naumann. Der damalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) kritisierte die „populistische Fundamentalkritik“ und empfahl Käßmann spöttisch, sich mit „den Taliban in ein Zelt zu setzen und über ihre Phantasien zu diskutieren, gemeinsam Rituale mit Gebeten und Kerzen zu entwickeln“.

Da wollte keiner abseits stehen

Hans-Ulrich Klose (SPD), der Stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, meinte, Käßmann spreche den Bundeswehrsoldaten tendenziell das Christsein ab, außerdem setze sie sich „mit ihrer Äußerung in Gegensatz zur Mehrheit des Bundestages“. Dort hätten CDU, CSU, FDP, die Mehrheit der SPD sowie etliche Grüne für den Einsatz gestimmt.

Das stimmte. Schließlich galt der Einsatz in Afghanistan nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als der gute, der notwendige Krieg. Es gab ein UN-Mandat, und die Nato hatte zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall nach Artikel 5 ihrer Charta ausgerufen. Da wollte keiner abseits stehen. Die damals herrschenden fundamentalislamischen Taliban hatten Al Kaida Unterschlupf geboten, außerdem hoffte der Westen, mit Hilfe seines Militärs die Demokratie an den Hindukusch exportieren zu können.

Knapp zehn Jahre nach Käßmanns Neujahrspredigt und knapp 18 Jahre nach Beginn der Intervention zieht das britische Magazin „Economist“, das selbst einst den Afghanistankrieg unterstützt hatte, Bilanz. Im vergangenen Jahr starben die meisten Zivilisten, die US-Luftwaffe warf die meisten Bomben ab, die Regierung in Kabul kontrolliert kaum die Hälfte des Landes, das nach Einschätzung des US-Justizministeriums „überwiegend gesetzlos, schwach und dysfunktional“ ist. Die Taliban sind wieder erstarkt, von einem Wiederaufbau des Landes kann nicht die Rede sein, die Kosten für den Krieg belaufen sich auf mehr als eine Billion Dollar.

Was nicht wahr sein darf, kann wahr sein

„Nichts ist gut in Sachen Klima, wenn weiter die Gesinnung vorherrscht: Nach uns die Sintflut! Da ist erschrecken angesagt und Mut zum Handeln.“ Das sagte Käßmann neun Jahre vor Greta Thunberg und „Fridays for Future“. „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Das sagte sie, als der Wille zur Verdrängung der Wahrheit noch so groß war, dass er sich in Häme und Schmähungen niederschlug. Inzwischen sieht jeder: Der Westen hat diesen Krieg verloren, das Projekt eines Demokratieexportes an den Hindukusch ist gescheitert.

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Zwei Dinge lehrt die Erinnerung an Käßmanns Neujahrspredigt aus dem Jahr 2010. Erstens: Jede These – und mag sie noch sie absurd klingen – sollte zunächst geprüft und erst dann gegebenenfalls verworfen werden. Etwas, was nach herrschender Meinung nicht wahr sein darf, kann nämlich durchaus wahr sein. Zweitens: Es ist nie zu spät, jemanden um Entschuldigung zu bitten, der durch ein Negativurteil, das sich später als falsch entpuppte, verletzt worden war.

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