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Weggesperrt bleibt Kay Diesner noch eine ganze Weile.
© K. Kleist-Heinrich, dpa

Rechtsextremismus: Knast im Kopf

Seit 16 Jahren sitzt er im Gefängnis, weil er mordete im Kampf gegen die Demokratie. Lange ließ er sich dafür von Rechten feiern, doch jetzt will Kay Diesner kein Nazi mehr sein.

Von Frank Jansen

Er hat den Hass nicht nur rausgebrüllt, er hat ihn gelebt. Jetzt sagt er: „Jeder kommt mal zur Vernunft.“ Kay Diesner hat eines der härtesten rechtsextremen Verbrechen seit der Wiedervereinigung begangen. 1997 schoss er in Berlin den Buchhändler Klaus Baltruschat nieder, vier Tage später tötete er in Schleswig-Holstein den Polizisten Stefan Grage und verletzte dessen Kollegen Stefan Kussauer schwer.

Dieser Kay Diesner will jetzt kein Neonazi mehr sein. Nach 16 Jahren im Gefängnis und obwohl die Haft noch lange nicht beendet ist, soll die Vernunft den Hass besiegt haben. Kann man, darf man das glauben?

Klaus Baltruschat, der durch das Attentat seinen linken Unterarm und den kleinen Finger der rechten Hand verlor, sagt, er und seine Frau könnten nicht hassen. „Aber das heißt nicht, dass wir ihm verzeihen können.“ Vor etwas mehr als einem Jahr flog die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ auf. Deutschland ist noch heute geschockt von den Verbrechen, die der NSU begangen hat.

Der Berliner Diesner war ein Vorläufer, ein Terrorist, der zum halbautomatischen Gewehr griff im Kampf gegen die verhasste Demokratie. Dafür hat ihn die braune Szene gefeiert. Bei Aufmärschen skandierten Neonazis lange „Freiheit für Kay Diesner“. Er scheint das genossen zu haben, jedenfalls pflegte er bis vor wenigen Jahren den Kontakt zu „Kameraden“. Jetzt soll alles anders sein. Es klingt unglaublich.

Am 2. Januar geht beim Tagesspiegel eine E-Mail ein. „Ich bin für mein Verbrechen vor fast 16 Jahren mit lebenslänglich schuldig gesprochen worden, zudem wurde noch die ,Besondere Schwere der Schuld’ verhängt“, steht da. „Ich bin also seit nun annähernd 16 Jahren in der JVA Lübeck inhaftiert, habe längst mit allen rechtsextremistischen Ideologien und deren Szene gebrochen und will daher nicht weiterhin als Neonazi hingestellt, oder mit diesen in Zusammenhang gebracht werden.“ Absender ist Kay Diesner.

Vermutlich hätte Diesner sich gar nicht gemeldet, hätte er sich nicht über einen Bericht im Tagesspiegel geärgert, der Ende Dezember 2012 erschien. Es ging um das vom Bundesverwaltungsgericht bestätigte Verbot des Vereins „Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene (HNG)“. In dem Text wird auch Diesner erwähnt, den die HNG „betreute“ – um ihn, wie andere rechtsextreme Gefangene, hinter Gittern in der Szene zu halten. Das scheint Diesner heute unangenehm zu sein.

„Bedauerlicherweise ist es so, dass ich auch von der neonazistischen Szene immer noch als ,Märtyrer’ instrumentalisiert werde, obgleich ich mich ganz klar von alledem abgewandt habe“, heißt es in der Mail. „Ich muss aber anmerken, dass die Art der bisherigen medialen Berichterstattung solche Denkweisen und Annahmen in den rechtsextremen Kreisen unterstützt, denn ich werde in aller Öffentlichkeit immer noch so dargestellt, als wäre ich Teil dieses Milieus.“

Ist das ein Täuschungsmanöver, weil Diesner, heute 40, endlich aus dem Gefängnis heraus will und hofft, die Medien einspannen zu können? Oder sollte es ihm ausgerechnet in Haft gelungen sein, dem braunen Knast im Kopf zu entkommen?

Das wäre eine nicht unmögliche, aber doch ungewöhnliche Geschichte. Viele Rechtsextremisten werden hinter Gittern noch fanatischer. Aus einer rechten Häftlingsclique kommt man nur schwer heraus. Ein Aussteiger wird meist von den Ex-Kameraden drinnen wie draußen verfemt und muss Rache fürchten. Und was Hass und Gnadenlosigkeit anrichten, weiß Diesner nur zu genau.

Am Morgen des 19. Februar 1997 stürmt Diesner, ein pechschwarzes Gewehr in der Hand, in Berlin-Marzahn in ein Buchgeschäft. Der Laden befindet sich unter dem Büro von Gregor Gysi, doch Diesner wartet nicht, bis der prominente Politiker der Linkspartei, damals noch PDS, erscheint. Der Neonazi schießt auf den ersten Menschen, den er im Laden sieht – den Buchhändler Klaus Baltruschat. Dass der überlebt, ist ein Wunder.

Über die ahnunglosen Polizisten bricht ein Kugelhagel herein.

Diesner haut ab, in Richtung Norddeutschland. Er fährt herum, offenbar ziellos. Er trägt eine Splitterschutzweste und hat einen Patronengurt dabei, auf dem Rücksitz hockt Kampfhund „Willi“. Diesner klaut an Tankstellen Benzin und fährt und fährt. Am 23. Februar ruht er sich aus auf dem Parkplatz Roseburg an der Autobahn Hamburg–Berlin. Die Polizisten Stefan Grage und Stefan Kussauer sehen den Wagen, das Nummernschild halten sie für gefälscht. Sie wollen Diesner kontrollieren. Er zückt seine Waffe.

Über die ahnungslosen Polizisten bricht ein Kugelhagel herein. Diesner springt in seinen Kombi und rast los. Grage, 33 Jahre alt, ist wenige Stunden später tot. Kussauer überlebt schwer verletzt.

Die Polizei kommt Diesner rasch auf die Spur, erst nach einer Verfolgungsjagd und weiteren Schüssen gibt er auf. Bei der Festnahme bekennt sich Diesner zu einem ominösen „Weißen Arischen Widerstand“. Die Sicherheitsbehörden halten ihn jedoch für einen durchgeknallten Einzeltäter, der selbst zur rechten Szene nur noch wenige Kontakte hatte.

Im August 1997 beginnt am Landgericht Lübeck der Prozess. Diesner mimt den harten Kämpfer. Zum Attentat auf Baltruschat sagt er: „Ich hab’ beschlossen, dat ich den Typen einfach anschieße. Ich wollte den nich’ töten. Der sollte darüber berichten. Wenn ich ihn töten wollte, hätte ich ihn mit dem Messer bearbeitet.“ Stummes Entsetzen im Saal.

Kay Diesner (Archivbild)
Kay Diesner (Archivbild)
© picture-alliance / dpa

Baltruschat ist da, er hält die verstümmelte Hand vor den Mund, seine Frau Käthe weint. Den Mord an Grage versucht der bullige, fast kahl rasierte Neonazi mit den Worten zu rechtfertigen, „es tut mir nicht leid, dass ich mich gewehrt habe, es stand fünfzig zu fünfzig“. Grages Mutter muss von einer Polizeipsychologin beruhigt werden. Stefan Kussauer nimmt am Prozess nicht teil. Er ist zu stark traumatisiert.

Die Erste Große Strafkammer verurteilt Diesner zu lebenslanger Haft und bescheinigt ihm besondere Schwere der Schuld. Damit ist eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ausgeschlossen. Es ist eines der härtesten Urteile gegen einen Rechtsextremisten seit der Wiedervereinigung. Der Vorsitzende Richter sagt, Diesner habe seine Taten „aus hemmungsloser Rachsucht und überheblicher Menschenverachtung“ begangen.

Die politische Einstellung des Neonazis bezeichnet er als eine „auf niedrigster Stufe stehende Gesinnung“. Da ist Diesner schon nicht mehr im Saal. Die Kammer hat den pöbelnden Angeklagten abführen lassen. So läuft es auch im zweiten Prozess Ende 1999, der nach einem punktuell erfolgreichen Revisionsantrag von Diesners Anwalt nötig wird. Der Neonazi schreit „Scheiß BRD“, beschimpft Journalisten als „Parasiten“. Die Wachtmeister bringen Diesner aus dem Saal.

Die Dritte Große Strafkammer urteilt wie die Kollegen zwei Jahre zuvor: lebenslange Haft, besondere Schwere der Schuld. Doch Baltruschat, Kussauer und die Mutter des getöteten Stefan Grage, Ursula von Seitzberg, fürchten sich schon damals vor dem Tag, an dem Diesner wieder einer freier Mann sein wird.

„So ’ne Angst kann ich nachvollziehn“, sagt Diesner am Telefon. Er spricht abgehackt, mit hartem Berliner Dialekt. Das Gespräch ist ihm unangenehm. Der Leiter der JVA Lübeck, Peter Brandewiede, hat ihn dazu ermuntert. Der Gefängnischef hält es für notwendig, dass Diesner seine Taten öffentlich bereut und sich nicht „einfach wegstiehlt“ mit einer E-Mail, in der in wenigen Sätzen der Abschied von der rechten Szene verkündet wird. Das reiche nicht, nach derart schweren Taten.

Woher kam sein Hass? "Das frage ich mich manchmal auch."

Brandewiede nimmt Diesners Abkehr vom braunen Milieu ernst. Das Telefonat findet in seinem Büro statt – in seinem Beisein. „Das ist kein Täuschungsmanöver, um endlich aus der Haft freizukommen“, sagt er. Außerdem könne, laut Gerichtsentscheid, erst nach 18 Jahren geprüft werden, ob Diesner vorzeitig freikommt.

Bis vor drei, vier Jahren habe Diesner Kontakte zu Neonazis gehabt, sagt Brandewiede, seit etwa zwei Jahren aber nur noch zu einer Frau, die nicht aus der rechten Szene komme. Vermutlich habe die Freundin auch die E-Mail dem Tagesspiegel zugeleitet, Häftlinge dürften keinen Mail-Verkehr unterhalten. Und er sagt, Diesner habe in der JVA eine Lehre absolviert, „mit gutem Abschluss“.

„Ausgestiegen bin ich letztes Jahr“, sagt Diesner, „eines Tages habe ich gesagt, ist alles Scheiße“. Wie kam es dazu? „Ich hatte therapeutische Gespräche mit Psychologen, jeder kommt mal zur Vernunft.“ Diesner sagt auch: „Meine Freundin hat mir geholfen, die hat einen sehr großen Anteil.“ Ihr ist Diesner über einen Briefkontakt nähergekommen. Mehr will er über sie nicht sagen.

Bereuen Sie Ihre Taten, Herr Diesner? „Ja, mach’ ich.“ Wäre er auch bereit, das den Opfern mitzuteilen? „Ich hab’ Angst davor, den Opfern in die Augen zu schauen, weil ich denen Leid angetan habe, ich hab’ deren Leben zerstört.“ Pause. „Ich kann’s nicht begreifen, ist einfach Wahnsinn.“

Wie kam er in Berlin in das gewalttätige Milieu der Neonazis? „Ich bin da einfach immer hingegangen. Das hatte mit meinem Irrsinn zu tun, mit meinem Hass.“ Woher kam der Hass? „Das frage ich mich manchmal auch.“

Diesners Biografie passt zu den vielen Geschichten über rechte Gewalttäter aus dem Osten. Kaputtes Elternhaus, DDR-typische Langeweile, er wird „Thälmann-Pionier“, dann Skinhead und rechter Hooligan.

1989 flieht Diesner wie hunderte DDR-Bürger in die Prager Botschaft der Bundesrepublik, er kommt in ein westdeutsches Aufnahmelager und kehrt 1990 nach Ost-Berlin zurück. Neonazis nutzen den Freiraum, der sich nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur aufgetan hat. Diesner schwimmt in der Szene mit, wird Mitglied der Gruppierung „Nationale Alternative“, macht aber auch eine Lehre bei Siemens.

Als Freundschaften zu Frauen zerbrechen, steigert sich Diesner mehr und mehr in den Wahn der braunen Kerlewelt hinein, Straftaten häufen sich. Diesner hat fast 40 000 Mark Schulden, vor allem unbezahlte Geldstrafen, als er am 19. Februar 1997 mit der großkalibrigen Waffe loszieht. Ein Verlierer, der den „Endkampf“ sucht, wie er vor Gericht sagt.

Für die Opfer, die überlebt haben, ist das Geschehen von damals so präsent, als seien die Schüsse erst gestern gefallen. „Es lässt uns nicht los, es beschäftigt uns“, sagt Käthe Baltruschat. Ihr Mann redet nicht gern über seinen Zustand. Er sagt nur, „na ja, es geht und geht und geht“. Glaubt er, dass Diesner kein Neonazi mehr ist? „Es ist alles möglich“, sagt Baltruschat, „nach 16 Jahren Haft kann man sich vieles vorstellen“. Doch die Eheleute sind skeptisch.

Die Baltruschats haben sich mit Ursula von Seitzberg angefreundet, der Mutter des von Diesner erschossenen Polizisten Stefan Grage. Die Rentnerin lebt in Eutin, dort ist auch das Grab ihres Sohnes. „Dreimal die Woche gehe ich hin“, sagt sie, „die Leute halten mich für verrückt, aber ein Kind ist unwiederbringlich“. Nach dem Tod des Sohnes musste Seitzberg ihre Arbeit in einem Supermarkt aufgeben, die psychischen Probleme waren zu stark. Vor Kay Diesner hat sie unvermindert Angst.

Immer am 23. Februar, dem Jahrestag der Schüsse auf die Polizisten, kommt Stefan Kussauer nach Eutin und geht mit der Mutter seines getöteten Kollegen zu dessen Grab. Kussauer geht es kaum besser als der verbitterten Mutter. „Die Polizei hat mich 2006 aus dem Dienst entfernt“, sagt Kussauer, „aufgrund meines psychologischen Krankheitsbildes“. Er lebe nun als Hausmann, „meine Familie gibt mir Kraft“. Dass Diesner sagt, er sei ausgestiegen, kann Kussauer nicht glauben. Vielleicht will er es auch nicht. „Ich bin für jeden Tag froh, den er weggesperrt bleibt.“

Kay Diesner sagt, wenn er entlassen werde, wolle er „ein normales Leben“ führen. Ein normales Leben. Für die Baltruschats, für Ursula von Seitzberg und Stefan Kussauer ist das unerreichbar. „Die Opfer haben lebenslang“, sagt Käthe Baltruschat.

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