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Krankenpfleger Alexander Jorde warnt : „Ein Chaos wie in Italien könnte uns bald bevorstehen“

Deutschland habe zwar genug Geräte und Betten, aber zu wenig Pflegekräfte, findet Krankenpfleger Alexander Jorde. Das werde die Krise weiter verschlimmern.

Paul Gäbler
Der Pfleger ist 2017 bekannt geworden, als er Kanzlerin Merkel in der ARD-Wahlkampfarena mit seinen Arbeitsalltag konfrontierte.
Der Pfleger ist 2017 bekannt geworden, als er Kanzlerin Merkel in der ARD-Wahlkampfarena mit seinen Arbeitsalltag konfrontierte.Foto: Peter Steffen/dpa

Alexander Jorde wurde 2017 durch einen Auftritt in der Wahlarena bekannt, als er sich mit Angela Merkel ein Wortgefecht zum Thema Pflege lieferte. Der 23-Jährige arbeitet als Gesundheits- und Krankenpfleger auf einer Intensivstation in Hannover und ist Mitglied der SPD.


Herr Jorde, wie sieht die Situation bei Ihnen im Krankenhaus aktuell aus?
Es geht. Da ich auf einer internistischen Intensivstation arbeite, habe ich bereits mit Corona-Patienten zu tun gehabt. Prinzipiell sind wir hier gut aufgestellt, haben dazu viel Erfahrung mit Infektionserkrankungen der Lunge. Wir haben das geschulte Personal, Beatmungsgeräte und genügend Schutzkleidung. Nach allem was ich höre, sieht das in vielen anderen Kliniken aktuell nicht so aus.

Was meinen Sie damit?
Es gibt zurzeit viele Lieferengpässe. Von einigen Kollegen höre ich, dass die Schutzmasken ausgehen und daher mehrmals verwendet werden müssen. Normalerweise läuft es so ab, dass nach einem Kontakt mit einem infiziertem Patienten die Schutzkleidung komplett gewechselt werden muss. Teilweise tragen die Pflegenden den gesamten Tag dieselbe Schutzmaske, weil nicht mehr genug vorrätig sind. Das erhöht natürlich das Risiko einer Infektion, auch gegenüber anderen Patienten.

Wie bewerten Sie denn das Krisenmanagement der Bundesregierung, insbesondere von Gesundheitsminister Jens Spahn?
Generell soll der Eindruck erweckt werden, dass man die Lage im Griff hat, Merkel hat eine beruhigende Ansprache gehalten. Das sollte aber über die Realität nicht hinwegtäuschen. Spahn hat die Personaluntergrenzen ausgesetzt, was den Arbeitsdruck für uns weiter erhöhen wird. In Niedersachsen musste bereits letztes Jahr jede dritte Klinik Betten auf Intensivstation sperren, weil das Personal dafür gefehlt hat. Wir hatten bereits vor Corona einen Pflegenotstand, der sich jetzt weiter verschärfen wird.

Dabei hat Deutschland im europäischen Vergleich eine hohe Anzahl von Intensivbetten.
Das stimmt, aber der Pflegeschlüssel in Deutschland, also die Anzahl der Patienten, die hier eine Pflegekraft betreuen muss, liegt bei 13 zu eins. Das ist einer der schlechtesten Werte in ganz Europa. Wir haben Intensivbetten, wir haben Beatmungsgeräte und sind technisch gut aufgestellt. Das hilft aber alles nicht, wenn wir niemanden haben, der diese Geräte auch bedienen kann. Die Pflege wird schließlich von Menschen ausgeführt, nicht von den Maschinen. Das Pflegepersonal kommt mal wieder in der Debatte zu kurz.


Hintergrund über das Coronavirus:


Sie haben schon häufig den Umgang mit Pflegekräften in Deutschland kritisiert. Wie sehen Sie die aktuelle Debatte?
Es ist schon sehr verwunderlich, dass wir in jeder Talkshow derzeit einen Virologen oder andere Ärzte sehen, aber keine einzige Pflegekraft zu Wort kommt. Dabei sind es aktuell in den Krankenhäusern vorwiegend die Pflegerinnen und Pfleger, die den engsten und direktesten Kontakt zu den Patienten haben. Ohne uns würde auf den Stationen nichts funktionieren. In einigen Testzentren erhalten Ärzte 200 Euro pro Arbeitsstunde dafür, dass Sie Patienten testen und untersuchen. Wir erhalten im stationären Bereich keinen einzigen Cent mehr.

In Spanien sind bereits zwölf Prozent der Infizierten Krankenhausmitarbeiter. Werden Sie und Ihre Kollegen denn regelmäßig getestet?
Nein, und auch das ist ein großes Problem. Sinnvoll wäre es, infizierte Personen schnell zu isolieren. Schließlich gibt es hier zweierlei Gefahren: einerseits können so die Pflegekräfte das Virus auf andere Patienten übertragen – gerade in einer Intensivstation, wo viele Patienten anfälliger für Infektionen sind, ist das hochgefährlich. Und auch für uns Pflegekräfte bedeutet es, dass wir potenziell auch unsere Bekannten und Verwandten anstecken können. Außerdem sind viele meiner Kollegen deutlich älter als ich oder haben Vorerkrankungen, sind also ebenfalls Teil der Risikogruppe.

Was befürchten Sie, wie sich die Corona-Krise weiter entwickeln wird?
Wir können in Italien bereits sehen, was uns bevorstehen könnte. Schon dort sind die Pflegekräfte am Rande ihrer Belastungsfähigkeit. Das Klinikpersonal muss einzelne Patienten abweisen, da die Kapazitäten nicht ausreichen. Manche Patienten kommen jetzt auf Stationen, wo das Personal nicht geschult ist für den Umgang mit solchen Erkrankungen. So ein Chaos kann uns in Deutschland ebenfalls bevorstehen. Ich hoffe, dass wir spätestens dann eine breite Debatte darüber führen, wer in diesen Zeiten die Gesellschaft zusammenhält. Ich denke dabei zum Beispiel an Kassiererinnen. Wir müssen gemeinsam für bessere Löhne und anständige Arbeitsbedingungen kämpfen. Auch nach Corona.

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