Krieg in Syrien : Assad sinnt auf Rache

Wie der Machthaber Syrien zurückerobert, nach seinen Wünschen gestaltet - und in der Region Idlib, wo seine letzten Gegner leben, auf ein Gemetzel zusteuert. Ein Kommentar.

Syrer passieren einen Checkpoint in der Provinz Idlib, in der die letzten Assad-Gegner leben.
Syrer passieren einen Checkpoint in der Provinz Idlib, in der die letzten Assad-Gegner leben.Foto: George Ourfalian, AFP

Es läuft nach Plan. Was aus Sicht des Despoten nichts anderes heißt als: richtig gut. Baschar al Assad kommt jeden Tag seinem großen Ziel ein Stück näher – einem Syrien, das möglichst wieder vollständig von ihm kontrolliert wird. Mehr als sieben Jahre war das nicht der Fall. Zeitweise schien seine Herrschaft sogar am Ende.

Doch das ist lange her. Seit Monaten eilen seine Soldaten, massiv unterstützt von russischen Bombern und schiitischen Einheiten, von Sieg zu Sieg. Der militärischen Überlegenheit des Regimes und seiner Verbündeten kann kein Gegner etwas entgegensetzen. Die vergangenen Monate haben das in aller grausamen Deutlichkeit gezeigt. Zuletzt in Daraa, jener Stadt im Südwesten des Landes, in der mit ersten Unruhen die Revolte gegen Assad begann. Jetzt haben die Aufständischen aufgegeben – zermürbt durch wochenlange Flächenbombardements, gebrochen mit gezielten Luftschlägen gegen Schulen und Kliniken. Hunderte sind dabei ums Leben gekommen, Hunderttausende haben ihr Zuhause verloren. Wie so oft in diesem gnadenlosen Krieg.

Den Einwohner von Daraa ergeht es nun genauso wie denen in Ost-Ghouta und Aleppo. Eine Kapitulation und das Akzeptieren der neuen Machtverhältnisse reicht Assad nicht aus. „Versöhnungsabkommen“ nennt der 52-Jährige zynisch das, worin er Bedingungen für eine Waffenruhe diktiert. Doch an echte Versöhnung denkt keiner in der Führung. Es geht vielmehr um Rache und Repressalien. Und ums Großreinemachen, im brutalsten Sinne des Wortes.

Wer Widerstand geleistet hat, soll sich nie mehr blicken lassen

Denn dass jene Menschen, die wie auch immer Widerstand geleistet haben, in den Schoß des Staates zurückkehren können, ist nicht geplant und auch nicht erwünscht. Wer fliehen musste und vertrieben wurde, dem wird oft die Rückkehr verwehrt. Der Vormarsch von Assads Truppen hat entvölkerte Orte und Landstriche hinterlassen. Und dort, wo ein „normales“ Leben überhaupt noch oder wieder möglich ist, werden loyale Kräfte angesiedelt. So werden mithilfe der Demografie Fakten geschaffen. Auf dass ein Aufbegehren gegen den Herrscher ein für alle Mal verhindert wird. Man könnte es eine politisch-ethnische Säuberung nennen. Eine Säuberung, die auch Millionen Flüchtlinge trifft, die außerhalb Syriens Schutz gefunden haben. Ihnen wird die Heimkehr so schwer wie möglich gemacht. Genaueres regelt „Dekret 10“. Es gibt der Regierung das Recht, Bebauungspläne für zerstörte Gebiete zu erstellen. So entsteht eine Liste aller Häuser und Grundflächen. Werden Eigentumsrechte nicht rechtzeitig geltend gemacht, geht der Besitz an den Staat. Doch wie kann ein Syrer, der heute im Libanon oder in Deutschland lebt, diese Vorgabe erfüllen? Auch das soll signalisieren: Bleibt, wo ihr seid.

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In dieses Kalkül passt, dass mittlerweile die verbliebenen Assad-Gegner (und jene, die ihn fürchten) in Idlib leben. Dorthin hat der Herrscher sie ziehen oder bringen lassen. Jeder ahnt, warum. In der Provinz soll die letzte große Schlacht stattfinden, soll der Widerstand endgültig gebrochen werden. Das wird nicht einfach. In Idlib haben kampferprobte Islamisten Stellung bezogen. Für die vielen Zivilisten heißt das: Sie werden wohl Opfer eines schlimmen Gemetzels.

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