Krieger und Stoiker : Eine Typologie der Manager der Corona-Krise

Das Dominanzgebaren eines Trump, das Pathos von Macron, die praktische Vernunft von Merkel: Mit Marc Aurels Weisheiten auf Spurensuche.

Staats- und Regierungschefs mit sehr unterschiedlichen Führungsstilen.
Staats- und Regierungschefs mit sehr unterschiedlichen Führungsstilen.Foto: Jeff J Mitchell/REUTERS

"Es ist so leicht, unwillkommene und unliebsame Gedanken zurückzuweisen, und schon hat man seine Ruhe wieder."

Ein guter Satz, oder? Eine alte Weisheit von Marc Aurel, dem römischen Kaiser und als Philosoph der letzte bedeutende Vertreter der jüngeren Stoa. Dessen Haltung leitete besonders den Großmeister deutschen Krisenmanagements, Helmut Schmidt. Und wenn man es genau bedenkt, passen Satz und Haltung ganz gut auf unsere gegenwärtige Situation, in Deutschland wie darüber hinaus.

Denn beim Blick über die Grenzen, ja auch über den Atlantik, wird der Unterschied in dem deutlich, was man unter Führung verstehen kann. Nehmen wir die beiden Machtpolitiker der jüngeren Zeit, Boris Johnson und Donald Trump, als das eine Extrem. Ihre Politik beruht auf Dominanzgebaren, darauf, immer und überall den Eindruck zu erwecken, dass bei ihnen die gleichsam totale Kontrolle liegt.

Wer anderer Meinung ist, wird sofort niedergemacht, zum Gegner erklärt, mit jedem nur erdenklichen negativen Argument bedacht. Trump ist da gewiss noch schärfer als Johnson, aber sie sind darin Brüder im Geiste. Das kann, wie gesehen, bei einem leibhaftigen Gegner gelingen. Einem in Person. Ob er nun Jeremy Corbyn heißt oder demnächst, in den USA, Joe Biden.

Gefühle gegen die Pandemie zu mobilisieren ist zwar erkennbar eine Strategie, um Menschen hinter der jeweiligen Führungsfigur zu versammeln, nur ist das Virus ein Gegner, dem mit den Mitteln der Geringschätzung nicht beizukommen ist. Es lässt sich nicht wegbefehlen. Die Zahlen von Infizierten und Toten sind nicht zu leugnen oder umzudeuten.

Hintergrund über das Coronavirus:

Wer glaubt, mit sogenannten alternativen Fakten punkten zu können, wird erleben, dass sie auf Dauer eher verstörend auf die Menschen wirken. Weil diejenigen, die sie verbreiten, eindeutig in der Minderheit sind. Das Virus ist nicht die Umweltpolitik, wo den Aktivisten im Zweifel schlicht die Überblickerkompetenz bestritten wird. China, Italien, Spanien, Frankreich… Eine Mauer, und sei es eine chinesische, hilft nicht. Höchstens eine Mauer des Wissens.

"Unser Leben ist das, wozu unser Denken es macht."

Sagt auch wieder Marc Aurel, und wer sich angehört hat, wie Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron über den Kampf gegen Covid-19 sprach, wird verstehen, dass der Satz auch auf diese Situation gemünzt werden kann. Macron sprach in seiner Rede an die Franzosen knapp ein halbes Dutzend Mal vom „Krieg“, in dem sich sein Land befinde; damit wird dort das Leben, wozu es das Denken von Macron macht: Frankreich, ein Land im Ausnahmezustand. In solcher Rede liegt eine ganz eigene Wucht. Wer denkt, es besser zu wissen, und sei es auf der Grundlage von Evidenzen, der kann zur großen Führungsgeste neigen.

"Was ist dein Beruf? 'Gut zu sein.'"

So lapidar das klingt, so sehr passt es auf eine dritte Kategorie – und zwar die, die wir hierzulande erleben. Es ist eine inzwischen, in langen Jahren, eingeübte Anti-Macho-Attitüde und Anti-Pathos-Haltung. Gewissermaßen Stoizismus der heutigen Art. Will heißen: Sei schlicht gut in dem, was du tust, weil das dem Staat am meisten nutzt.

Und brandaktuell: Wenn der Urheber der Krise, das Virus, noch nicht besiegt werden kann, so gilt es, die Sache und die Lage zu bessern, bis es so weit ist. Dem muss alles dienen, was getan wird; denn ohne Zweck soll man nichts tun.

Die Vertreter dieser Führungsart sind wohlbekannt: Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Vize Olaf Scholz. Deren Stoizismus, verbunden mit Rationalismus und dem Vertrauen auf die Wissenschaft, ertüchtigt sie, unliebsame und unwillkommene Gedanken nicht zurückzuweisen, sondern sie zu Ende zu denken, ohne die Lage zu verschärfen, sondern die Gemüter durch Handeln Schritt für Schritt zu beruhigen.

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Helmut Schmidt, dem Krisenmanager vergangener Jahre, hätte das gefallen. Das war sein Leitsatz: „Keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft.“

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