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Krisen, Krieg und Klima : Die Zivilgesellschaft muss es richten

Internationale Vernetzung kann der Welt helfen. Greta Thunberg ist dabei ebenso wichtig wie eine Initiative in der Art von Global Solutions. Ein Kommentar.

Die Schwedin Greta Thunberg bei der Abschlusskundgebung der "Fridays for Future"- Demonstration in Berlin
Die Schwedin Greta Thunberg bei der Abschlusskundgebung der "Fridays for Future"- Demonstration in BerlinFoto: dpa/Michael Kappeler

Die Welt ist aus den Fugen. Und sie braucht doch eine Stabilisierung. Die drei K – Krisen, Krieg und Klima – erfordern das dringend und zwingend. Wenn nun aber die Regierungen damit nicht vorankommen, wer soll es richten? Die Zivilgesellschaft. Und zwar eine, die sich vernetzt, am besten global. Greta Thunberg, die junge Klimaaktivistin, ist in dieser Hinsicht ein Fingerzeig. Sie wirkt schon in dieser Hinsicht über Ländergrenzen hinweg vereinigend.

Trotz der wachsenden Probleme, die nur multilateral gelöst werden können, gerät allerdings in vielen Ländern die internationale Zusammenarbeit unter Rechtfertigungsdruck. Ein Beispiel: der G-20-Gipfel in Hamburg. Deshalb ist es so zwangsläufig wie richtig, wenn sich die Verteidiger des Multilateralismus zu zivilgesellschaftlichen Bündnissen zusammentun.

Unlängst war ein solches Bündnis in Berlin zu besichtigen, die Global Solutions Initiative, die mit dem Tagesspiegel verbunden ist. 1200 Teilnehmer und mehr als 200 Referenten trafen sich zum dritten Summit, nach 2017 und 2018. Ähnlich verhält es sich mit der Pulse-of-Europe-Bewegung oder mit dem Zusammenschluss vieler US-Städte zur Verteidigung der Klimaziele. Diese Bewegungen sind ein, wie die Wissenschaft sagt, „Bottom-up“-Ansatz, also einer von unten nach oben, bei dem ganze Bevölkerungsgruppen mitgenommen werden, die sich ansonsten aus dem politischen Diskurs verabschiedet haben. Zumeist sind sie von der Wirkungslosigkeit oder Langatmigkeit der Debatten enttäuscht.

Der Regierende Bürgermeister Berlins hat das offensichtlich erkannt. Michael Müller ist nicht nur Teil, sondern Vorsitzender eines stärker werdenden internationalen Netzwerks von Weltmetropolen, genannt Metropolis. Beim jüngsten Global Solutions Summit bestritt Müller mit Bürgermeisterkollegen ein Panel, das die Bedeutung der kommunalen Ebene für die Lösung von globalen Problemen beleuchtete. Der von ihm geführte Senat wirbt für die Erkenntnis, dass Kommunalität und Internationalität keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig befruchten, ja einander sogar bedingen. Das passt zu einem Beitrag von Nicolas J.A. Buchoud – der mit seinem französischen Think Tank über die Zukunft von Metropolen nachdenkt – für den Tagesspiegel, in dem er erklärt, dass die Einbeziehung von Metropolen bei der Lösung globaler Probleme von Berlin ausgehen könnte.

Dazu passt wiederum, was just an diesem Sonnabend Bundespräsident Frank- Walter Steinmeier zur Eröffnung der „Kosmos-Ringvorlesung“ in der Berliner Humboldt-Universität gesagt hat: „Schon vor zwei Jahrhunderten hat Alexander von Humboldt erkannt, wie sehr alles mit allem zusammenhängt auf dieser Welt. Alles ist Wechselwirkung, schrieb er und hat damit ein schier grenzenloses Verständnis von Vernetzung, Globalisierung und Interaktion geprägt. Sein vernetztes Denken durchbrach Disziplinen und Stände, überspannte Völker und Kontinente, und trennte nicht zwischen Natur und Kultur. Im schwierigen Geschäft des Weltverstehens hat Humboldt einen Standard gesetzt, der uns bis heute herausfordert.“

Um so mehr in dieser Zeit, in der es so aussieht, als vergäßen wir, Kinder der repräsentativen Demokratie, dass Demokratie Volksherrschaft heißt und dass Verantwortung nicht einfach an „die Politiker“ wegzudelegieren ist. Das hat, beispielsweise, die GSI erkannt. Und hat nicht der Schock über den Zweiten Weltkrieg zur Gründung der UN, zum Zusammenschluss der Staaten geführt? Man könnte daraus lernen, dass ein Schock über den Klimawandel zum Zusammenschluss der Völker, will sagen: der Zivilgesellschaft führen sollte. So wie bei der Global Solutions Initiative.

Die Auswirkungen, sprich: eine kritische Reflexion, beziehen auch die Medien ein. Dringender denn je ist, mit Expertenhilfe einzuordnen und zu sortieren und die Nachdenklichkeit zu dokumentieren. So werden die Medien ernstzunehmender Teil eines – nicht übertrieben – existenziellem Diskurses, über den Zustand der Welt. Der Welt, wohlgemerkt, was bedeutet, das die eurozentrische Perspektive überholt ist. „The Times They Are A-Changin’“, singt Literaturnobelpreisträger Bob Dylan weltweit den Entscheidern ins Gewissen, auf dass die den Übergang friedlich gestalten helfen.

Global gestalten zu wollen verlangt auch, auf der Bühne ein Stückchen Platz zu machen. Und zu lernen, dass es nötig ist, sich an zwischenstaatliche Regeln zu halten, ob beim Euro, der Migration oder beim Iranabkommen.

Von Dennis Snower, dem bekannten Weltwirtschaftsforscher und Präsidenten der Global Solutions Initiative, stammt die zielführende These, dass alle jetzt international geführten Diskussionen helfen sollten, ein globales öffentliches Gut bereit zu stellen. Dieses Gut ist die Ertüchtigung und Ermächtigung der Zivilgesellschaft. Snower und andere vertreten die Auffassung, dass das umso mehr Not tut, als die Welt von irrlichternden Regierungschefs schon genug aus den Fugen gebracht wird.

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