Leben im Coronavirus-Umbruch : Die Wende-Erfahrungen der Ostdeutschen helfen in der Krise

Optimismus, Mut, Improvisation: So haben die Ostdeutschen den Untergang der DDR gemeistert. Davon können in Zeiten von Corona auch die Westdeutschen profitieren. Ein Appell.

Erinnerung, sprich! Die Wendeerfahrungen von 1989 könnten heute wieder nützlich sein.
Erinnerung, sprich! Die Wendeerfahrungen von 1989 könnten heute wieder nützlich sein.Foto: picture-alliance/dpa

Kein Obst und Gemüse in den Regalen, lange Schlangen vor Ämtern und Geschäften, keine Reisefreiheit – willkommen in der DDR! Was viele Menschen in der Corona-Krise erstmals als Entbehrung erleben, war Alltag für Millionen Menschen.

Was wichtig daran ist: Die Ostdeutschen haben einen Vorsprung im Umgang mit einem Umbruch, wie wir ihn auch jetzt erleben: Politische Entscheidungen überholen sich minütlich, Arbeits- und Betriebsmodelle geraten ins Rutschen, die tägliche Versorgung muss sichergestellt werden. Und der Ausgang ist für alle ungewiss. Nur eines scheint klar: Jedes Leben ist berührt, jeder Mensch wird sich ändern müssen.

Trotz der Millionen kleiner Umbrüche, die jetzt etwa die Kita- und Schulschließungen mit sich bringen, muss die Gesellschaft als Ganzes weiterfunktionieren. Einige Lehren aus der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung, die am Mittwoch vor 30 Jahren mit den ersten freien Wahlen in der DDR eingeleitet wurde, können uns zeigen, wie das gehen kann.

Was in jeder Krise hilft: Optimismus. Es ist möglich, das eigene Leben neu zu organisieren, ohne zu wissen, auf welchen Grundlagen die Familie, der Betrieb, das Land in wenigen Wochen noch funktionieren.

Dienstantritt nach dem Zusammenbruch

Die Menschen in der ehemaligen DDR sind arbeiten gegangen, selbst als ihr Staat zusammenbrach, sogar am Tag nach der Nacht des Mauerfalls. Große Demos fanden nach Feierabend statt; es gab keine Streiks, keine Hamsterkäufe. Die Umgebung wurde mit Umsicht behandelt, der Umbruch mit Zuversicht angegangen.

Was in jeder Krise unerlässlich ist: Besonnenheit und Solidarität. Nur wer auch an andere denkt, handelt klug für sich selbst. Vor 30 Jahren fiel kein einziger Schuss, weil jeder Einzelne darauf geachtet hat, nicht zu eskalieren.

Heute ist es wieder an jeder und jedem, beim nächsten Einkauf, beim nächsten Arztbesuch, auch bei der hastigen Weiterverbreitung von Informationen für alle mitzudenken: Was ist in dieser Lage wirklich nötig für mich, und was kann ich – auch mit eigenem Verzicht auf Unnötiges – möglich machen für andere? Und damit für uns alle.

Neue Chancen, neue Berufe

Was in jeder Krise vor allem zählt: Mut. Millionen Menschen haben nach dem Mauerfall komplett neu angefangen, haben kleine Betriebe gegründet, vieles von vorne erlernt, haben neue Berufe und Chancen ergriffen, weil es die alten nicht mehr gab.

Täglich, stündlich wurde improvisiert. Genau das müssen wir heute auch tun. Was wird jetzt gebraucht? Vor allem Menschen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, die sich um Kranke kümmern, Ältere versorgen, Kinder betreuen, das Land am Laufen halten. Was wird jetzt nicht gebraucht? Eine Präsenzpflicht in Büros. Alte Rollenmodelle, die ins Homeoffice verlagert werden. Es braucht Mut, vieles mal anders zu machen.

Auch die Politik muss sich ein Herz fassen. Bei den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 wurde mit klarer Mehrheit eine Regierung unter Führung der CDU gewählt, die in einer wackligen volkswirtschaftlichen und völkerrechtlichen Situation schnell die deutsche Einheit sicherte.

Jeder Schritt braucht Erklärungen

Ähnlich zupackend handelt die Bundesregierung jetzt angesichts des Virus’, der das Gesundheitssystem bedroht: mit massiven Einschränkungen des sozialen Lebens bis hin zur Schließung vieler Geschäfte.

Aber auch Politik muss sich in der Krise ändern: Es braucht die Erklärung jedes einzelnen Schrittes, seiner Notwendigkeiten und Folgen. Und die von den Umwälzungen Betroffenen (aktuell Handwerker und Künstlerinnen, Freiberuflerinnen und Caterer, Selbstständige und sozial Engagierte) dürfen mit ihren wirtschaftlichen Sorgen nicht allein gelassen werden.

[Ein ausführliches Interview mit dem ersten frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière, und der früheren Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe über die ersten freien Wahlen in Ostdeutschland im März 1990 und ihre Folgen bis heute lesen Sie hier.]

Sonst schlägt Solidarität bald in Frust um. Bundeskanzlerin Angela Merkel, vor 30 Jahren ostdeutsche Neuanfängerin in der Politik, bleibt das hoffentlich bewusst.

In einem Umbruch hilft die Umsicht jeder und jedes Einzelnen. Ein Bewusstsein für alle. Ein Selbstbewusstsein, auch anders leben zu können. Die ostdeutsche Revolution hat geklappt, weil jeder sich verändert und auf andere geachtet hat. Warum sollen wir das nicht wieder schaffen?

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