Politik : Lehmann: Bleibende Scham

Claudia Keller

Jerusalem - Bei ihrem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem am Freitag haben sich die deutschen Bischöfe klar zur Verantwortung gegenüber der deutschen Geschichte bekannt und jede Schlussstrich-Rhetorik scharf verurteilt. „Wir Deutsche dürfen uns auch heute nicht der Last entledigen, die die monströsen Verbrechen von damals uns auferlegen. Wir wissen um unsere Mithaftung und empfinden bleibende Scham“, sagte Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Niemand könne frei sein, der frei sein wolle vom Gedenken an die Schoa.

„Viele in unserem Volk haben lange gebraucht, um sich der Verantwortung zu stellen. Manche verdrängen bis heute. Aufs Ganze gesehen hat unser Volk jedoch anzuerkennen gelernt, dass sich weit mehr Deutsche persönlich schuldig gemacht haben, als ihre Mitschuld einzugestehen bereit waren“, sagte Lehmann. „Schuld trugen nicht allein die Täter vor Ort und die politische Führung. Mitschuld in unterschiedlichem Maße haben auch diejenigen auf sich geladen, die weggesehen haben.“ Auch in der katholischen Kirche könne die „schmerzhafte Gewissenserforschung“ heute nicht einfach beendet sein. „Wir fragen, ob wir als Kirche in den Zeiten der Verfolgung unserer jüdischen Mitbürger hellhörig genug waren für die Stimmen der Verzweifelten und die Stimmen aus den Gräbern.“

Die 27 katholischen Ortsbischöfe sind bis Sonntag im Heiligen Land unterwegs. Der Besuch in Jad Vaschem ist eine der wichtigsten Stationen ihrer Reise. „Nicht die berechtigten Erwartungen anderer haben unsere Schritte an diesen Ort gelenkt“, sagte Lehmann. „Als Söhne des deutschen Volkes hätten wir vielmehr die eigene Geschichte, ja uns selbst verleugnen müssen, wenn wir diese Stätte der Erinnerung nicht besucht hätten.“ Beim Besuch der Ausstellung waren viele sichtlich berührt, einige hatten Tränen in den Augen. In der „Halle der Namen“ falteten manche die Hände zum stillen Gebet. In der „Allee der Gerechten“ gedachten sie Kardinal Joseph Höffners. Der frühere Kölner Erzbischof und langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hatte als Vikar zwischen 1943 und 1945 ein jüdisches Mädchen und ein jüdisches Ehepaar versteckt.

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