"Meine Sammlungsbewegung ist die Linkspartei"

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Linken-Geschäftsführer Jörg Schindler : "Der Beschluss sagt: offene Grenzen. Punkt"
Linken-Parteichef Bernd Riexinger (rechts) gratuliert dem neuen Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler zur Wahl.
Linken-Parteichef Bernd Riexinger (rechts) gratuliert dem neuen Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler zur Wahl.Foto: Britta Pedersen/dpa

Streit gibt es ja auch um die Zielgruppen: Ex-Parteichef Oskar Lafontaine beispielsweise sagt, die Partei habe Arbeitslose und Arbeitnehmer vernachlässigt. Katja Kipping wird zugeschrieben, ihr lägen die urbanen Milieus am Herzen. Wie wollen Sie das auflösen?

Fairerweise muss man sagen: Wir haben bei bestimmten Zielgruppen verschieden stark gewonnen. Bei der Bundestagswahl haben wir eine halbe Million Stimmen gewonnen und nicht etwa verloren. Natürlich wünschen wir uns bei Arbeitslosen und Arbeitnehmern durchaus höhere Zugewinne, im Angesicht der Zugewinne der AfD.

Im Osten gab es einen Abschwung. Wir erklären Sie sich den?

Wir haben im Osten eine Situation, in der sich unsere Mitgliedschaft stark verändert, vornehmlich aus Altersgründen. Dazu kommt: In vielen Teilen des ländlichen Raums haben wir Schwierigkeiten bei der Mobilisierung, ähnlich wie viele andere Parteien. Das wird dann leicht zu einem Nährboden für Demokratieverdrossenheit, für eine Wir-können-doch-eh-nichts-erreichen-Stimmung, die den Rechten genutzt hat. Wir planen eine Offensive in den strukturschwachen Gebieten, auch im Westen, um dort wieder Hoffnung zu geben. Wir geben niemanden auf. Niemand soll den Eindruck haben, er würde gesellschaftlich an den Rand gedrängt.

Bei den Landtagswahlen 2019 in Ostdeutschland könnte es weitere Bundesländer geben, in denen die traditionellen Volksparteien CDU und SPD nicht auf eine gemeinsame Regierungsmehrheit kommen. Schließen Sie eine Kooperation der Linken mit der CDU aus, wie sie beispielsweise in Brandenburg diskutiert wurde?

Dafür sehe ich keine inhaltliche Basis. Über die Lagergrenzen hinausgehende Bündnisse mag ich mir nicht vorstellen.

AfD-Wähler zurückholen oder nicht?

Wir wollen alle Wähler zurückholen, die wir mal hatten. Wir wollen auch neue gewinnen, die wir noch nie hatten. Aber wir reden dabei niemandem nach dem Mund. Wir wollen die Menschen von unseren politischen Angeboten überzeugen. Wir wollen niemanden hinterherschleimen. Zugeständnisse an rassistische Politik machen wir definitiv nicht.

Wie geht es jetzt weiter? Vermitteln Sie zwischen Partei- und Fraktionsspitze? Gibt es einen Zeitplan dafür?

Ich habe noch auf dem Parteitag mit Dietmar Bartsch gesprochen. Und werde ihn sehr bald wieder treffen. Auch an Sahra Wagenknecht ist ein Gesprächsangebot rausgegangen. Wir wollen mit der Fraktionsführung im Gespräch sein, das ist doch selbstverständlich.

Linken-Spitzenpolitiker Dietmar Bartsch, Katja Kipping und Sahra Wagenknecht (von links) am Wochenende auf dem Linken-Bundesparteitag in Leipzig.
Linken-Spitzenpolitiker Dietmar Bartsch, Katja Kipping und Sahra Wagenknecht (von links) am Wochenende auf dem...Foto: Britta Pedersen/dpa

Wir verstehen, dass Sie nicht so große Lust haben, über Personen zu reden. Aber ist es nicht doch nervig, wenn eine Spitzenfrau wie Wagenknecht macht, was sie will?

Natürlich habe ich keine Lust über Personen zu reden. Spaß beiseite: Ich habe trotzdem den Eindruck, dass allen die Erwartung klargeworden ist, dass sich das Spitzenpersonal an die Beschlüsse der Partei bindet. Es gibt in vielen Fällen Spielräume. Aber die Mitglieder entscheiden, wie groß die Spielräume sind, in denen sich die Funktionäre bewegen sollen. Jeder, der den vorgegeben Spielraum verlässt, wird mit der Partei große Probleme bekommen.

Jeder vierte Deutsche kann sich laut Umfrage vorstellen, seine Stimme einer linken Sammlungsbewegung, also quasi einer „Liste Sahra Wagenknecht“ zu geben. Sie auch?

Nein. Ich kann mir vorstellen, die Sammlungsbewegung Die Linke zu wählen. Und das tue ich schon seit 13 Jahren.

Lafontaine und Wagenknecht treiben ihr Projekt mit Nachdruck voran. Wie gehen Sie damit um?

Das Grundanliegen, dass wir die gesellschaftliche Linke sammeln, ist völlig berechtigt. Natürlich treibt mich auch die Sorge um, dass das fortschrittliche Spektrum jenseits der Union, dass insbesondere die SPD erodiert. Wir müssen es schaffen, das Lager der Solidarität zu vergrößern und das Lager der Reaktion zusammenzudrücken. Ich würde diese Herausforderung aber anders beantworten als Oskar Lafontaine. Ich begrüße immer, wenn sich Leute Gedanken machen, wie das fortschrittliche Lager zu stärken ist. Aber es gilt: Die Linke ist eine Sammlungsbewegung. Eine andere brauche ich nicht.

Jörg Schindler (46) ist auf dem Linken-Bundesparteitag am vergangenen Wochenende in Leipzig zum neuen Bundesgeschäftsführer der Partei gewählt worden. Der gebürtige Sachse war Kandidat der Parteiführung, er gilt als linker Zentrist. Seit 1999 war Schindler als Rechtsanwalt für Arbeits- und Sozialrecht in Lutherstadt Wittenberg tätig. Das Gespräch führten Andrea Dernbach und Matthias Meisner.

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