Politik : Literatur als Jungbrunnen

Von Gerrit Bartels

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Alle reden von der Bedeutung der Familie, der Jugend, der Schule, der Bildung in diesen Tagen. Und siehe da, von Jahr zu Jahr sticht auf der Leipziger Buchmesse ein Bild schärfer ins Auge: Die Messehallen sind bevölkert von jungen Menschen, unzählige Schulklassen schieben sich durch die Gänge und an den Ständen der Verlage vorbei. Gleichzeitig machen auch in diesem Jahr wieder alarmierende Zahlen die Runde. Fast die Hälfte aller Schüler in Deutschland nimmt außerhalb der Schule kein Buch zur Hand. Zwei Drittel aller Elternpaare sollen laut einer Studie der Stiftung Lesen ihren Kindern im Vorschulalter nicht mehr aus Büchern vorlesen. Wird das Buch zu alt? Bild und Zahlen stehen nur scheinbar in einem Widerspruch zueinander.

Die Leipziger Buchmesse hat sich deutschlandweit als das wichtigste Forum für Kinder- und Jugendbuchliteratur etabliert. Mehr als ein Viertel ihrer Ausstellungsfläche gehört dem Lesenachwuchs. Sie ist kein Ort für die stille, intime Auseinandersetzung mit einem Buch – gut so! Die Leipziger Buchmesse inszeniert sich als Großevent. Mit unzähligen Lesungen hat sie die Stadt Leipzig fest im Griff. Damit reagiert sie nicht zuletzt auf die Bedürfnisse einer jüngeren Generation. Sie bildet sie mit.

In Leipzig findet vier Tage lang ein Vorlesespektakel statt, bei dem auf vielen Veranstaltungen vor und nach der Lesung ein DJ Musik auflegt. Die Orte, an denen gelesen wird, sei es ein stillgelegtes Gaswerk, sei es ein altes Schwimmbad, haben allein schon Erlebnisfunktion. Bei den Lesungen und Gesprächen kommt es auf die Performance des Autors genauso an wie auf die Inhalte seines Buchs. Günter Grass mag starrsinnig-überzogen die Medien beschimpfen („Entartung des deutschen Journalismus“, „Totschlägerstimmung“) und sich dabei selbst demontieren – er sorgt so nicht zuletzt für gute Unterhaltung bei seinem Publikum, das mit ihm sympathisieren oder einfach nur den Kopf schütteln will.

In Leipzig haben nicht nur die bekannten alten Größen wie Günter Grass, Christoph Hein, Wolf Biermann oder ein frisch gekürter Preisträger wie Ingo Schulze ein großes Publikum, sondern eben auch junge, fast gänzlich unbekannte Autoren und Autorinnen wie René Hamann, Kolja Mensing, Silke Scheuermann oder Franziska Gerstenberg. Sie lesen in Leipzig jeden Abend vor mehr als tausend überwiegend jungen Leuten in der Moritzbastei. Der Popkonzertcharakter, den das hat, mag das eine sein. Das andere ist die Sehnsucht nach Identifikation, die Sehnsucht danach, das eigene Leben widergespiegelt zu sehen oder in ein ganz anderes abzutauchen. Diese Sehnsüchte sieht ein junges Publikum durch eine junge Schriftstellergeneration am ehesten gestillt.

Der Debütantenboom von Ende der neunziger, Anfang der zweitausender Jahre mag vorbei sein, die Erstlinge mögen nachweislich ihre literarischen Schwächen haben, es ihnen an Erfahrung und Welthaltigkeit mangeln. Trotzdem haben in diesem Jahr eine Harriet Köhler, geboren 1977, mit ihrem Debüt „Ostersonntag“ oder eine Susanne Heinrich, geboren 1985, mit ihrem schon zweiten Buch „Die Andere“ fast fünfstellige Verkaufsauflagen. Zahlen, die für sich sprechen: Literatur als Jungbrunnen. Das macht Hoffnung, dass nicht eine ganze lesefähige Generation sich in den Weiten des Internets verliert.

„Die Entfernung im Zeitalter des Internets ist ohnehin nur noch ein Wort“, hat der sich gerade auf einer Schiffsweltreise befindende Schriftsteller Matthias Politycki in einem Text für ein Jubiläumsbuch der Buchmesse geschrieben. Doch die Entfernung zwischen dem Internet und dem Autor zum Anfassen, zwischen dem Internet und den Büchern mit ihren ganz eigenen, haptischen Lebenswelten: Sie ist unüberbrückbar. Darum wird die Attraktivität der Leipziger Buchmesse und anderer Lesefestivals ungebrochen hoch bleiben. Denn ihr großes Thema ist Familie. Das hat Zukunft.

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