Politik : „Man kann das Schiff nicht einfach verlassen“

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Heß war mit der deutschen Marine im Friedenseinsatz

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Frau Heß, Sie waren als erste Bundestagsabgeordnete im Februar zwei Wochen im Dienste der deutschen Marine beim Unifil-Friedenseinsatz vor der libanesischen Küste. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich habe als Reserve-Offizierin der Marine darum gebeten, bei Unifil dabei sein zu können. Ich wollte als Abgeordnete wissen: Wie geht es eigentlich der Truppe da unten? Und den Einsatz am eigenen Leibe erfahren.

Was haben Sie erlebt?

Mein Schiff, der Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“, hat den deutschen Unifil-Verband auf See mit Lebensmitteln, Öl und anderen wichtigen Dingen versorgt. Außerdem haben wir Schiffe hinsichtlich Waffenschmuggels überprüft. Ich durfte die „Frankfurt“ als sogenannter Rudergänger stellenweise fahren, habe Rettungs- und Schießübungen mitgemacht. Außerhalb der Dienstzeit habe ich die unteren Dienstgrade in politischer Bildung unterrichtet, über die Arbeit des Verteidigungsausschusses und des Bundestages informiert.

Könnten Sie sich an den Alltag an Bord gewöhnen?

Mehrere Tage am Stück auf See zu sein, immer nur grau um sich herum zu haben, das ist nicht ganz einfach! Man ist permanent aufeinander angewiesen und kann das Schiff nicht einfach verlassen, wenn man Lust dazu hat. Man sitzt im wahrsten Sinne des Wortes in einem Boot. Das ist eine Arbeit, die einerseits sehr routiniert von der Hand geht, andererseits aber auf keinen Fall zur Routine werden darf. Die Hisbollah ist schließlich immer noch mit Flugkörpern ausgerüstet, die für Unifil eine Gefahr werden könnten.

Was haben Sie in Ihrer Freizeit gemacht?

Manchmal habe ich mich einfach auf den Bock gelegt – so heißen die bordeigenen Betten im Sprachgebrauch der Marine – und gelesen. 65 Zentimeter breit, knochenhart, zwei Meter lang. Oder ich habe mich in der Offiziersmesse, dem Aufenthaltsraum der Offiziere, mit Kollegen zusammengesetzt und unterhalten. Dort war ich die einzige Frau.

Hat sie das gestört?

Nein, ich wurde behandelt wie alle anderen auch. Da gab es überhaupt keine Probleme.

Haben sich die Soldaten für ihre Arbeit als Bundestagsabgeordnete interessiert?

Es hat sich an Bord schnell rumgesprochen, dass ich Politikerin bin. Viele wollten wissen, ob sich der Bundestag die Entscheidung leicht macht, wenn über Auslandseinsätze abgestimmt wird. Auch über die Wahrnehmung der Streitkräfte in der Gesellschaft wurde gesprochen. Dieses Thema bewegt die Soldaten sehr.

Wie ist der Stellenwert der deutschen Marine beim Unifil-Einsatz?

Die Zusammenarbeit mit anderen Nationen funktioniert ausgesprochen gut. Die Deutschen genießen sowohl innerhalb der internationalen Schutztruppe als auch bei den Libanesen ein hohes Ansehen.

Halten Sie den Unifil-Einsatz für sinnvoll?

Er ist notwendig und wichtig. Wegen der internationalen Präsenz im Mittelmeer findet zumindest auf dem Wasser kein Waffenschmuggel statt. Ich werde deswegen dafür plädieren, dass die Mission im August vom Bundestag verlängert wird.

Welche Situation an Bord hat Sie besonders bewegt?

Als das deutsche Flottendienstboot „Alster“ in Richtung Kiel verabschiedet wurde. Bei mir hat sich da so eine Wehmut breit gemacht. Es war ein komisches Gefühl zu wissen: Die anderen fahren jetzt nach Hause. Und du bleibst da.

Das Gespräch führte Sarah Kramer.

Die Thüringerin Petra Heß (47) ist seit 2002 Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Die SPD-Politikerin ist Reserve-Offizierin der Marine und sitzt für ihre Partei im Verteidigungsausschuss.

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