Martenstein über entscheidende Fragen : Alles Faschos?

Wie soll es mit der SPD weitergehen? Nicht, indem sie die alltäglichen Probleme der Menschen ignoriert. Ein Kommentar.

Gérard Collomb ist der sozialdemokratische Innenminister Frankreichs und ein stoischer Antischarfmacher.
Gérard Collomb ist der sozialdemokratische Innenminister Frankreichs und ein stoischer Antischarfmacher.Foto: Stephane de Sakutin/AFP

Wie könnte es mit der SPD weitergehen? So wie mit den französischen Sozialisten. Die PS hat dort bei den letzten Parlamentswahlen 7,4 Prozent bekommen. Fast wäre Marine le Pen Präsidentin geworden. Der Sieger, Emmanuel Macron, machte einen Sozialdemokraten zum Innenminister, ein Urgestein. Gérard Collomb, 70, lange Zeit Bürgermeister von Lyon, wurde in der „Zeit“ als „stoischer Antischarfmacher“ vorgestellt. Als nach dem Terrorangriff auf die Konzerthalle Bataclan der Ausnahmezustand verhängt wurde, weigerte sich Collomb, der Polizei von Lyon Waffen auszuhändigen.

Vor ein paar Tagen hat Collomb der Zeitung „Le Parisien“ ein Interview gegeben. Er fährt, wie Macron, in der Migrationspolitik einen Kurs, der hart und besonnen zugleich ist, aber nicht vergleichbar mit den Zielen der SPD. Er sagte: „Es ist unmöglich, im Jahr 185.000 Personen auf würdige Weise aufzunehmen. Das wäre eine Großstadt.“ Die Linke sagt, Collomb sei Macrons „Fascho vom Dienst“. Collomb redet ähnlich wie einst Helmut Schmidt oder Willy Brandt. Zitat Brandt, von 1973: „Wir müssen sorgsam überlegen, wo die Aufnahmefähigkeit unserer Gesellschaft erschöpft ist.“ Zitat Schmidt, 2005: „Wer die Zahlen der Muslime in Deutschland erhöhen will, nimmt eine zunehmende Gefährdung unseres inneren Friedens in Kauf.“ Alles Faschos, wirklich? Oder vielleicht Realisten? Brandts Ostpolitik war ein Abschied von Illusionen.

Das Hauptproblem heißt derzeit nicht "soziale Gerechtigkeit"

Ob die SPD in die große Koalition geht oder nicht, ist, was ihre Zukunft betrifft, vielleicht gar nicht die entscheidende Frage. Entscheidend ist, ob sie eine überzeugende Antwort auf die alltäglichen Probleme der Leute geben kann. Und das Hauptproblem heißt in diesen Jahren nicht „soziale Gerechtigkeit“, jede Umfrage belegt das.

Ich war ein paar Jahre nicht in der Therme von Ludwigsfelde, nahe bei Berlin. Nun war ich, mit Kind, wieder mal da. Ein Sonntag, ein populärer Ort. Früher waren dort fast alle nackt, es ist eine Familiensauna. Das wagte nur noch eine Minderheit. Überall standen schwarzgekleidete Sicherheitsleute herum. Nach einer Weile stürmten sie eine der Saunen. Besucherinnen hatten berichtet, dass dort „Männer“, so heißt das ja immer, mit ihren Handys nackte Frauen fotografieren. Die Männer, es waren drei, hatten die Handys inzwischen verschwinden lassen. Die Fotos sind Gott weiß wo. „Wir rufen immer die Polizei“, erzählte einer der Sherriffs, „das nützt nicht viel.“ Wie heißt die Antwort der SPD auf alltägliche Probleme dieser Art? Wie kann man verhindern, dass dieses Land zerfällt, in Milieus, die einander spinnefeind sind und kaum noch miteinander reden können?

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