Martenstein über Probleme der Rechten : Wenn der Charakter bankrott geht

Die Methoden der Strache-Jäger waren illegal. Aber das Video legt nahe, dass einer wie er keine Macht besitzen sollte. Eine Glosse.

Heinz-Christian Strache.
Heinz-Christian Strache.Foto: Roland Schlager/APA/dpa

Der frühere Hamburger Bürgermeister Ole von Beust hat die Frage gestellt, wie die deutschen Medien reagiert hätten, wenn ein Video mit Robert Habeck aufgetaucht wäre, in welchem der Grünenchef, unter Alkohol gesetzt und mit versteckter Kamera gefilmt, sich um den Kopf redet. Viele wären vor allem über die Verletzung von Habecks Intimsphäre empört, so Beust. Denn Habeck ist ein Darling, während der rechte Österreicher Strache zur Legion der Verdammten gehört. Ole von Beust vermutet, dass Habeck wohl auch in stark derangiertem Zustand nicht die Forderung nach dem Verkauf des Landes an den meistbietenden Russen lallen würde, darauf lief es ja bei Heinz-Christian Strache in letzter Konsequenz hinaus.

Die Methoden der Strache-Jäger waren illegal. Ob man das Ganze trotzdem legitim findet, sollte nicht von der politischen Richtung des Bloßgestellten abhängen. Sondern davon, ob das öffentliche Interesse schwerer wiegt als der Schutz von Privat- und Intimsphäre. Hier ist es der Fall. Wenn Vizekanzler Strache ein kleines Licht wäre wie du und ich, dann wäre die Veröffentlichung eines solchen Videos verwerflich und gehörte bestraft. Hätte Strache nur ein paar schlüpfrige Witze erzählt, ebenfalls. Aber er war mächtig, und das Video legt nahe, dass einer wie er keine Macht besitzen sollte.

Die Rechten und ihre Führer

Ich habe schon öfter auf die kuriose Tatsache hingewiesen, dass ausgerechnet die Rechte immer wieder Probleme mit ihren, ähm, Führern hat. Zu den konservativen Werten gehören Anstand, Recht, Ordnung, et cetera, aber aus genau dieser Richtung werden häufig Personen emporgespült, denen man nicht mal guten Gewissens den Hund zum Gassigehen anvertrauen würde, aus Angst, dass er nach Russland verkauft wird. Der Hamburger Ronald Schill nannte seine Partei „Rechtsstaatliche Offensive“, dann wurde wegen Rechtsbeugung ermittelt, er versuchte angeblich, seinen Chef zu erpressen und ließ sich beim Koksen erwischen, die Endstationen hießen „Big Brother“ und „Adam sucht Eva“ auf RTL.

Es gibt den Charakterbankrott nicht nur rechtsaußen. Die CDU hatte sogar einen Kanzler, der sein persönliches Ehrenwort über Recht und Gesetz gestellt hat – bietet jemand mehr? Schwarze Schafe und Drogenprobleme sind keine Erfindung des Populismus, man denke an Volker Beck, Michel Friedman, Sebastian Edathy und Uwe Barschel. Skandale können jede Partei treffen, entscheidend ist der Wille zur Aufklärung, ein klares „Nein“ zum Komplizentum.

Alexander Gauland sagt, das Strache-Video hätte nicht veröffentlicht werden müssen, man hätte die Affäre „diskreter“ behandeln können. Etwa so diskret, wie die katholische Kirche lange Zeit ihre pädophilen Priester? Soll das die Alternative zur angeblich „versifften“ Gegenwart sein?

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