Martenstein zum Berliner Mangel : Wohnungen sind keine Kaninchen

Wohnraum ist knapp in Berlin. Also müsste man bauen. Denn Wohnungen vermehren sich nicht wie die Karnickel. Aber sind sie überhaupt erwünscht? Eine Glosse.

Dieses Kaninchen im Berliner Tierpark hat sogar ein Haus für sein Futter.
Dieses Kaninchen im Berliner Tierpark hat sogar ein Haus für sein Futter.Foto: Paul Zinken/p-a

Wie entstehen Wohnungen? Ich würde sagen, indem man sie baut. Eine andere Lösung fällt mir nicht ein. Und wenn es Wohnungsknappheit gibt, dann baut man halt viele. Das kommt mir logisch vor. Der Staat kann das machen, oder Unternehmen können dies tun. Das stimmt so weit alles, oder?

Der Berliner Senat hatte versprochen, bis 2021 etwa 30.000 Wohnungen zu bauen. Das ist nicht gerade viel, angesichts der Wohnungskrise. Aber immerhin. Die Bausenatorin hat gesagt, dass sie leider nur 25.000 schafft. Womöglich gibt es Probleme mit der Entlüftung, wie beim Flughafen. Parallel dazu werden in Berlin immer weniger Genehmigungen zum Neubau an Privatleute erteilt. Nicht mehr – weniger! 2018 ist die Zahl der genehmigten Wohnungen zum zweiten Mal in Folge gesunken.

In Tübingen macht der OB Boris Palmer Privatleuten Stress, die ihre Grundstücke aus Spekulationsgründen nicht bebauen. In Berlin dagegen kriegen Privatleute Stress, die gern bauen wollen. Seltsamerweise ist der erfolgreiche Grüne Palmer für viele Berliner Parteifreunde kein Vorbild, sondern eher eine Hassfigur.

Jürgen Leibfried, ein Manager der Firma „Bauwert“, hat in einem Interview seiner Vermutung Ausdruck gegeben, dass Neubau gar nicht erwünscht sei. Größere Bauvorhaben scheiterten oft in den Bezirksparlamenten, die zustimmen müssen. Anwohner laufen Sturm gegen Bauprojekte, weil Schulplätze, Parkplätze und Kitaplätze in ihrem Viertel eh schon knapp sind. Die Hoffnung, dass der Berliner Senat das Schulproblem, das Parkproblem und das Kitaproblem lösen könnte, ist bei vielen nicht mehr vorhanden.

Private sollen nicht bauen. Die Stadt kann oder will nicht bauen, jedenfalls nicht im notwendigen Umfang. Deshalb haben Mietprofitgeier leichtes Spiel. Weil der Volkszorn begreiflicherweise glüht, muss eine Symbolhandlung her, die den Eindruck erweckt, man tue etwas. Deshalb verlangen jetzt die Linke, Teile der Grünen und Teile der SPD, dass Wohnungen verstaatlicht werden.

Eine verstaatlichte Wohnung bleibt eine einzige Wohnung

Leider sind Wohnungen keine Kaninchen, die sich ohne menschliches Zutun zügig vermehren. Eine verstaatlichte Wohnung bleibt eine einzige Wohnung. Außerdem müssen Eigentümer entschädigt werden, das wird teuer. Berlin wird dieses Geld beim Wohnungsbau fehlen. Und die Lust eines Unternehmers, dort zu investieren, wo Verstaatlichung droht, muss als gering veranschlagt werden.

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Zusammenfassend muss man sagen, dass der Senat die Probleme eher verschärft, statt sie anzupacken. Aber warum bloß? Der einzige Plan, den ich erkenne, ist der, einen Buhmann für das eigene Versagen aufzubauen. Die Kapitalisten sind an allem schuld. Es gibt Miethaie, gewiss, aber anderswo wird trotzdem gehandelt, in Wien, in Tübingen, vielerorts.

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