• „Maskulinisten und Retromänner formieren sich“: Claudia Roth beklagt Sexismus und Antifeminismus im Bundestag

„Maskulinisten und Retromänner formieren sich“ : Claudia Roth beklagt Sexismus und Antifeminismus im Bundestag

Die stellvertretende Bundestagspräsidentin sieht ein zunehmend frauenfeindliches Klima im Bundestag. Verantwortlich macht sie vor allem die AfD.

Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, prangert Sexismus im Parlament an.
Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, prangert Sexismus im Parlament an.Foto: imago images/Udo Gottschalk

Die stellvertretende Bundestagspräsidentin Claudia Roth (Grüne) beklagt einen zunehmend verächtlichen Umgang mit weiblichen Abgeordneten im Parlament. „Frauen werden demonstrativ missachtet“, sagt Roth der Wochenzeitung "Die Zeit". „Wenn eine Abgeordnete redet, egal aus welcher Fraktion, drehen sich viele Männer um, quatschen, hören nicht mehr zu, der Lärmpegel steigt.“

Diese offene Missachtung bekämen auch die beiden Frauen im Bundestagspräsidium, Petra Pau von der Linkspartei und sie selbst, zu spüren. „Wenn eine von uns die Sitzungen leitet, grüßen manche AfD-Redner das Präsidium einfach nicht, dabei ist das seit 70 Jahren Brauch im Plenum“, so Roth. „Sie treten ans Pult und legen einfach los. Andere sagen explizit zur Begrüßung ‚Präsident‘.“

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Mit dem Einzug der AfD in den Bundestag hätte sich die Stimmung gegenüber Frauen grundlegend geändert. „Es kommt mir so vor, als wären wir bis dahin in Watte gepackt gewesen“, sagt die Grünen-Politikerin.

Sexismus und Antifeminismus hätten nun eine Bühne im Bundestag – und das wirke enthemmend in die Gesellschaft hinein. Weibliche Abgeordnete erhielten Hass-Mails, in denen es oft um sexualisierte Dominanz oder Erniedrigung ginge. „Die Maskulinisten und Retromänner formieren sich nun, sie wollen sich zurückholen, was ihnen gar nicht gehört: Macht, Einfluss, das Sagen“, sagt Roth.

Schwangerschaften werden teilweise verheimlicht

Auch andere Parlamentarierinnen beklagten das Verhalten vieler männlicher Kollegen im Bundestag. „Mir ist es öfter passiert, dass Männer anderer Fraktionen – wir Sozialdemokraten duzen uns ja ohnehin alle – mich beim ersten Gespräch gleich geduzt haben“, sagt die SPD-Abgeordnete Josephine Ortleb.

„Das ist häufig nicht nur respektlos, es ist auch nicht selten ein Instrument, um von vornherein die Machtverhältnisse zu verdeutlichen: Ich, der Mann, mache hier die Ansagen.“

Emmi Zeulner (CSU) weist darauf hin, dass junge Frauen im Parlament Schwangerschaften so lange wie möglich verheimlichten und ihr Kind bewusst nicht zum Thema machten. „Weil junge Mütter verschwinden. Nicht physisch, aber aus den Köpfen vieler, die etwas zu entscheiden haben“, sagt Zeulner.

„Eine junge Mutter schläft zu wenig, muss sich ums Kind kümmern, ist also nicht leistungsstark. Die Karriere wird auf Eis gelegt. Für junge Väter trifft das alles nicht zu.“ (tsp)

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