Matthies meint : Das Land ist erschüttert

Elche, Gutes Design und sozialdemokratisches Musterländle - das ist Schweden. Doch neuerdings kracht es und zwar durch echte Bomben, keine Böller. Eine Glosse.

Ein Polizist inspiziert den Schauplatz einer Explosion im Stadtteil Östermalm.
Ein Polizist inspiziert den Schauplatz einer Explosion im Stadtteil Östermalm.Foto: Anders Wiklund/dpa

Schweden: Das Land der deutschen Träume. Meine Generation hat ja sogar noch, psst, das Gerücht von sexuell entgrenzten blonden Schönheiten im milden Licht der Mittsommersonne mitbekommen, aber dieses Bild wurde im Laufe der Zeit vollkommen überblendet von anderen, jugendfreien: Pippi Langstrumpf und Kalle Blomquist, herumtollend vor ochsenblutroten Häusern am glitzernden See; legosteinförmige Autos, denen sich auch der deutsche Studienrat anvertraute, weil sie in ihrer stählernen Unnachgiebigkeit der Familie höchsten Schutz versprachen; sanfte Elche, die das Wohnmobil mit 90 trabend und schnuffelnd begleiteten bis zum Nordkap, das dummerweise Norwegen gehört.

Parallel dazu geriet das reale Schweden zum sozialdemokratischen Musterländle, in dem sogar der König der vom Volk gewählten Einheitspartei anzugehören schien. Das Volk dürstete danach, an die Hand genommen zu werden, befreit zu werden von schlechten Gedanken und grimmen Aggressionen, von Mackertum und Prostitution. Selbst die Möbel wurden klassenlos vereinheitlicht.

Das funktionierte irgendwie und befreite die Sozialdemokraten anderer Länder von Versagensängsten: Wenn etwas so toll funktioniert, dann kann es nicht völlig verkehrt sein, oder?

Zugegeben, es gibt da diese Schweden-Krimis, oft brutale Gewaltpornos, in denen pro Kapitel mehr Leichen anfallen als echte Mordopfer im ganzen Jahr. Aber wir dachten uns: Die reagieren sich beim Lesen ab und sind dafür selbst total friedlich, das ist doch besser als randalierende Naturlyriker.

Nun hat sich aber ein ganz realer Trend in der Idylle breitgemacht: Bombenexplosionen. Also, echte Bomben, keine Böller. Es kracht hier und kracht dort, zuletzt in der Nacht zum Montag in Stockholm, einen Tag zuvor in Uppsala. Häuser und Autos gehen zu Bruch, aber selten wird jemand verletzt, Terrorismus kommt also nicht in Betracht.

Die Nazis im Land sind domestiziert, die Linksradikalen von Natur aus friedlich. Bei der Polizei vermuten sie Bandenkriege, ohne erklären zu können, welche Art des Kriegs das sein soll, wenn doch nur ziellos irgendwas in die Luft gesprengt wird.

Aber das Land ist erschüttert wie zuletzt, als Volvo nach China verkauft wurde und der Saab starb. Wer hilft? Wo ist Kommissar Wallander, wenn er mal wirklich gebraucht wird? Wir wollen hoffen, dass es nicht die Sozialdemokratie ist, die sich da unter heftigen Detonationen einfach selbst zerstört.

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