Matthies meint : Ein paar Tausender verschenken

Wollen Sie nicht mal ein paar Tausender an irgendjemand verschenken? Unser Kolumnist macht sich ein paar Gedanken zum Kapitalismus. Eine Glosse.

Über Geld redet man nicht, man schreibt nur drüber.
Über Geld redet man nicht, man schreibt nur drüber.Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Zins und Zinseszins – das rätselhafte Perpetuum mobile der Geldgesellschaft. Der frühe Sozialismus wollte die „Zinsknechtschaft“ überwinden, die Nazis auch, zumal die angeblich von Juden ausgeübte. Im Islam ist der Zins schon mal von vornherein verboten, und auch christlich fundierte Sozialethiker zucken spätestens dann zusammen, wenn der Kredithai seine Geldeintreiber schickt, um die gepumpte Summe nebst 60 Prozent Zinsen pro Monat mit Baseballkeule und Hackebeil einzutreiben. Ein scheußliches Ding, dieser Zins, obwohl seine Existenz doch nur auf der einfachen Idee beruht, dass Geldverleih dem Verleiher ebenso einen Profit einbringen muss wie einem Autoverleiher, der diese segensreiche Tätigkeit sofort einstellen würde, wenn er dabei draufzahlen müsste.

Wenn ich richtig sehe, ist all das weitgehend untersucht und gerechtfertigt und verflucht – allerdings unter der Annahme, dass Zins immer das ist, was der Kreditnehmer zahlt. Was aber, wenn er dabei verdient? Ein Internetportal bietet dieser Tage 1000 Euro bei 36 Monaten Laufzeit für fünf Prozent minus an. Wer sich den Tausender leiht, muss also 923 Euro zurückzahlen. Wer ist jetzt hier der Knecht?

Was ist mit der Theorie?

Ich weiß, was Sie denken. Wir nehmen gleich mal eine Million davon, dann bleiben nach drei Jahren 77.000 Euro übrig, brutto, aber immerhin. Oder lieber gleich eine Milliarde? Aber leider handelt es sich um einen Kleinkredit, so viel Geld ist gar nicht da, das Portal hat ihn konzipiert für Leute, die grad mal was Neues von Ikea brauchen oder zur Fußball-WM für den persönlichen Videobeweis auf 65-Zoll-TV aufrüsten wollen. Und wer schon selbst Geld hat, bekommt den Kredit vermutlich nicht mal.

Aber was ist mit der Theorie? Ist ein Kapitalist, der der unterdrückten Klasse Geld schenkt, statt sie weiter zu depravieren, noch der richtige Feind? Was sagen die amtlich zuständigen Imame zu einer solchen Verkehrung der Verhältnisse, bietet der Koran überhaupt Instrumente, mit einer so tückischen Kreuzfahrer-Teufelei sachgerecht umzugehen?

Die Ersten, die umdenken, sollten die Kredithaie sein. Negativer Zins heißt: Der Kunde wird nicht mehr rituell verdroschen, sondern bei Kaffee und Kuchen über die verschiedenen Wege der Rückzahlung informiert, alles beglaubigt mit dem Siegel der Stiftung Warentest. Und warum nicht einfach mal ein paar Tausender verschenken? Wirtschaft kann so einfach sein.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!