Matthies meint : Es trommelt und trötet und tost

Die Anforderungen an ein WM-Lied sind hoch. Es muss den Fußball-Fan richtig quälen. Eine Betrachtung.

Der Fußballer neigt zum Gesang. Nicht immer ist das angenehm.
Der Fußballer neigt zum Gesang. Nicht immer ist das angenehm.Foto: SAMPICS

Ein Mount Everest des Fremdschämens – aber gerade deshalb unvergessen: „Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt“, 1974 unfassbar stümperhaft dargeboten von den werdenden deutschen Weltmeistern, die alle guckten wie Konfirmanden, die gleich von der Großtante einen Kuss kriegen. Seit diesem epochalen Chorgesang hat sich auch in Deutschland die Meinung festgesetzt, es gehöre zu einer Fußball-WM generell ein Lied, ein „offizielles“ zumal, denn auch beim Fußball gibt es ja kein richtiges Hören im falschen.

Angefangen hat es übrigens 1966 mit „World Cup Willy“, kongenial dargeboten vom britischen Skiffle-Haudegen Lonnie Donegan. Von da an bastelten sich viele Länder wie die Deutschen selbst was; in Erinnerung sein mag auch noch der irgendwie an dunkle Zeiten mahnende Song von 1990 mit der Zeile „Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf!“ Dann aber erbeuteten einerseits die von Sponsor Coca-Cola zertifizierten und andererseits die Fifa-offiziellen Hymnen die Hoheit über den WM- Stammtischen.

Will Smith rappt ein bisschen mit

Die Anforderungen an ein solches Lied sind turmhoch. Es darf auf der gesamten Welt niemanden geben, der sich vom Text diskriminiert oder der Musik beunruhigt fühlen könnte. Das Tempo muss drängend sein wie Messis Schritte unmittelbar vor dem Flankenlauf, irgendein großer Star muss mittun, der PR wegen, aber bloß kein alter weißer Mann. Diese Anforderung erfüllt Will Smith zweifellos. Er rappt nun ein wenig mit bei „Live it up“, der am Freitag vorgestellten Fifa-Hymne, die uns nun innerhalb weniger Wochen quälend zu den Ohren heraustriefen wird. Es trommelt und trötet und tost, während die Künstler, neben Smith auch Nicky Jam und Era Istrefi, die schmerzfreie Botschaft verkünden: „Ein Leben, leb es, denn du hast nur eins, ein Leben, leb es, denn du kriegst kein zweites.“ Gut, dass das mal gesagt ist, damit könnten sich sogar Kollegah und Farid Bang rehabilitieren.

Wie schon erwähnt: Das ist nicht das einzige Lied. In Deutschland flattern die Untoten von „Dschingis Khan“ mit „We love Football“ um die Häuser, und Coca-Cola hat Jason Derulo beauftragt, dessen Lied „Colors“ schon unterwegs ist, ein Heuler aus der Mottenkiste des Autotune-Gesangs, so spannend wie Panama gegen Tunesien, Gruppe G. All das ist ebenso quälend wie vergeblich, denkt man daran, dass die deutschen Kicker 1974 alles Notwendige schon gesagt haben: Ha, ho, heja heja he.

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