Matthies meint : Unter dem Teppich liegen die Nachrichten

Natürlich muss auch die AfD etwas zu Schulz absondern. Und natürlich muss sie wieder an den Tabus aus der Nazizeit herumkitzeln. Eine Betrachtung.

Jörg Nobis hat getwittert.
Jörg Nobis hat getwittert.Foto: Markus Scholz, dpa

Nicht, dass es hinterher nur wieder „Fake News!“ heißt. Nein: Hier ist ganz original und unverfälscht, was der Kieler AfD-Fraktionschef Jörg Nobis aktuell getwittert hat. Er sei für Neuwahlen, schrieb er, „dann fahren wir gemeinsam den #schulzzug in den Hochofen“. Immerhin, so könnte man erleichtert sagen, nicht vor die Gaskammer, und von Fahrgästen war überhaupt keine Rede.

Nobis rechtfertigte sich dann auch treuherzig, er als Ingenieur habe an nichts als an Schrott und Stahlschmelze gedacht bei diesem Bild – was AfDler so sagen, wenn sie mal wieder gezielt oder aus Dummheit an den Tabus aus der Nazizeit herumgekitzelt haben, um zu sehen, wie das so ankommt.

Der Hochofen ist so angekommen, dass er allerhand Proteste hervorgerufen hat und eine – ganz sicher aussichtslose – Anzeige betr. Volksverhetzung. Möglicherweise wird Alexander Gauland auch wieder mit umwölkter Stirn verkünden, das sei nicht seine Wortwahl. Aber generell zeigt es das intellektuelle Niveau einer Partei, die nach dem Groko-Drama in aller Ruhe die Umfragen abwarten und sich dann als Gralshüterin alter CDU-Werte etablieren könnte. Doch stattdessen lassen Leute wie Nobis derart die Sau raus, dass man schon deshalb sofort wieder wählen gehen möchte, um die arme Angela M. und den noch ärmeren Martin S. ein wenig in Schutz zu nehmen vor ihren widerwärtigen Feinden.

Weidels Zeitenwende

Aber muss das so bleiben? Die AfD, so lesen wir im „Focus“, will ihre Pressestelle im Frühjahr um einen „Newsroom“ mit 20 Mitarbeitern ergänzen – als Mittel dagegen, dass sie von vielen Medien ignoriert oder gezielt schlechtgemacht werde, laut Alice Weidel „eine innovative Zeitenwende in der Bundesrepublik“. Zu dieser Zeitenwende gehören angeblich auch Rechercheure, die ausgraben sollen, was „unter den Teppich gekehrt“ werde, komplett mit TV-Studio im Jakob-Kaiser-Haus.

Sehen wir mal davon ab, dass diese Innovation im Sinne der deutschen Leitkultur eindeutig „Nachrichtenzimmer“ oder „Neuigkeitenraum“ heißen müsste, um auch rechtsaußen gehörig Eindruck zu machen. Aber was wird unter diesem Teppich zu finden sein? Ich habe eine Ahnung: Die Flüchtlinge sind unser Unglück, die EU ruiniert den deutschen Steuerzahler, Angela Merkel will ihr Volk gegen allerhand Multikultis austauschen. Allerdings: Ist derlei Paranoia nicht auch ohne AfD-Newsroom schon an jeder Ecke zu hören?

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