Politik : Mauerfall in Nikosia

Die Demarkationslinie auf Zypern soll durchlässiger werden – die Inselgriechen setzen dafür Zeichen

Gerd Höhler[Nikosia]

Die Geschäfte in der Ledrastraße hatten schon geschlossen, die Dunkelheit war in der zyprischen Hauptstadt Nikosia angebrochen, da schreckte am Donnerstagabend der Lärm von Baggern und Presslufthämmern die Anwohner auf. Bauarbeiter begannen im Licht von Scheinwerfern und unter den neugierigen Blicken zahlreicher Schaulustiger, ein Symbol der Teilung Zyperns zu demontieren.

Die Ledrastraße im alten Stadtkern von Nikosia ist eine der betriebsamsten Einkaufsmeilen im griechischen Teil der zyprischen Hauptstadt. Bis zum Freitag endete sie an einer hohen Betonmauer. Bewaffnete Soldaten der zyprischen Nationalgarde standen dort Wache. Jenseits der Mauer lag ein Streifen Niemandsland, dahinter der türkische Sektor. Am Freitag ist die Mauer gefallen. Damit wird der Weg frei für einen weiteren Übergang zwischen den beiden Teilen der Mittelmeerinsel – vielleicht.

Zyperns Staatspräsident Tassos Papadopoulos höchstpersönlich hatte am Donnerstag seine europäischen Kollegen auf dem EU-Gipfel in Brüssel über den bevorstehenden Abriss informiert. Damit setze seine Regierung ein „Zeichen des guten Willens“, sagte Papadopoulos. Wann man hier vom griechischen Süden Nikosias in den türkisch kontrollierten Norden und umgekehrt spazieren kann, ist allerdings noch unklar: Vor der Eröffnung eines Übergangs müssten die verfallenen Gebäude im Niemandsland gesichert und das Gelände nach Minen abgesucht werden, die seit der türkischen Invasion vom Sommer 1974 hier vermutet werden, sagen die griechischen Zyprer. Und vor allem müssten die türkischen Soldaten abziehen, die jetzt noch an der Demarkationslinie patrouillieren, fordert Papadopoulos.

Schon seit dem Frühjahr 2003 ist die „Grüne Linie“, die sich seit der Invasion durch Zypern zieht, durchlässiger geworden: Damals öffneten die türkischen Zyprer einige Übergänge und lockerten die Besuchsbeschränkungen. Zwei Checkpoints gibt es bereits in Nikosia, aber außerhalb des Zentrums.

Papadopoulos erinnerte daran, dass er Ende 2005 der auf Zypern stationierten UN-Friedenstruppe die Öffnung von acht Übergängen vorgeschlagen habe. Dass es bisher bei nur zwei geblieben sei, liege an der Weigerung der türkischen Seite, sagte der Präsident.

Die mögliche Öffnung des Übergangs an der Ledrastraße als Schritt auf dem Weg zu einer Wiedervereinigung der Insel zu sehen, wäre ohnehin übertrieben. Seit die griechischen Zyprer vor drei Jahren den Wiedervereinigungsplan des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan per Volksabstimmung mit großer Mehrheit ablehnten, sind derartige Bemühungen praktisch zum Stillstand gekommen. Auch von der Öffnung an der Ledrastraße sind nicht alle griechischen Zyprer begeistert: Manche Händler fürchten, dass Kunden in den türkischen Nordteil abwandern – wo viele Waren billiger sind.

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