Warum die Firmen in der DDR testen ließen

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Medikamententests an DDR-Bürgern : Mit Risiken und Nachwirkungen
West-Firmen ließen offenbar in großem Stil Medikamente in der DDR Teste - teils ohne Wissen der Teilnehmer.
West-Firmen ließen offenbar in großem Stil Medikamente in der DDR Teste - teils ohne Wissen der Teilnehmer.Foto: dpa

Warum haben Firmen in der DDR testen lassen?

Noch heute werben Clinical Research Organizations (CRO) damit, dass Studien in Ländern wie Indien kostengünstiger und schneller durchgeführt werden können. Ähnliches versprachen sich die Pharmaunternehmen wohl auch von Tests in der DDR. Doch selbst wenn die gesetzlichen Regeln für den Ablauf von Studien anderswo teilweise laxer sein sollten, gelten grundsätzlich die Selbstverpflichtungen der Ärzteschaft für die medizinische Forschung
. Seit den 80er Jahren wurden die einschlägigen gesetzlichen Grundlagen allerdings mehrfach verschärft.

Wie laufen Medikamentenstudien ab?

Der Weg von der Entwicklung eines neuen Wirkstoffs bis zu seiner Zulassung als Arzneimittel verläuft in mehreren Etappen. In der Debatte um Studien westlicher Pharmafirmen in der DDR geht es derzeit ausschließlich um die letzte, die Mediziner als Phase 3 bezeichnen: Das Mittel ist dann schon im Labor, eventuell im Tierversuch und an einer kleineren Gruppe von Probanden untersucht worden. Es wird nun in Unikliniken, in Krankenhäusern oder auch in Arztpraxen an einer größeren Zahl von Erkrankten auf Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit geprüft. Heute müssen in Deutschland zuvor Ethikkommissionen ihre Zustimmung erteilen. Gibt es schon ein wirksames Präparat für das Krankheitsbild, so wird es dabei mit diesem verglichen, im anderen Fall kommen Scheinpräparate zum Einsatz. Als die qualitativ besten Studien gelten solche mit einer hohen Teilnehmerzahl, in denen weder Arzt noch Patient wissen, wer den Wirkstoff bekommt.

Welche Risiken gibt es?

Die größten Risiken sollten zu diesem Zeitpunkt durch die frühen Studien schon ausgeschlossen sein.
Sind sie „verblindet“, so muss es Notfall-Couverts geben, die die beteiligten Ärzte öffnen können, falls es schwere Nebenwirkungen oder gar Todesfälle geben sollte.

Was müssen die Patienten wissen?

Sie müssen sorgfältig aufgeklärt werden und danach ihr schriftliches Einverständnis zur Teilnahme geben. Da jede Behandlung im juristischen Sinn den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt, gilt die Aufklärungspflicht des Arztes und die Notwendigkeit der Zustimmung des Kranken oder seiner gesetzlichen Vertreter selbstverständlich auch außerhalb von Studien. Dass Aufklärung auch in den 80er Jahren schon als wichtig erachtet wurde, belegt ein BGH-Urteil von 1984, wo es heißt, der Patient sei im Gespräch mit dem Arzt „auch über seine nicht ganz außer Wahrscheinlichkeit liegenden Risiken zu unterrichten“.

Was passiert nun mit den Opfern?

„Vergehen, wie sie hier berichtet werden, verlangen eigentlich nach strafrechtlicher Aufarbeitung“, sagte der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU) der „Mitteldeutschen Zeitung“. Nach heutigen Standards seien diese Handlungen kriminell, sagte Bergner. Offen sei aber, wie weit sie nach so langer Zeit geahndet werden könnten.Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete in seiner neuen Ausgabe von mindestens 50.000 Menschen, die mitunter ohne ihr Wissen an Arzneimittelversuchen teilnahmen. Dabei sollen Menschen auch gestorben sein. Das Magazin beruft sich auf bislang nicht bekannte Akten der Stasi und von DDR-Einrichtungen. Bereits Ende 2012 war bekanntgeworden, dass westdeutsche Pharmafirmen neue Arzneimittel auch an DDR-Patienten erprobt haben sollen.
Bergner sagte weiter, es wäre ein schwerer Skandal, wenn Tausende DDR-Bürger vermutlich sogar unter Verletzung von Rechtsvorschriften der DDR zu billigen und wohlfeilen Versuchskaninchen gemacht worden wären. Die Unternehmen der Branche sollten sich ihrer Verantwortung stellen und die ärztlichen Standesorganisationen die Bemühungen um Aufklärung unterstützen. Entschädigung müsse vor allem durch die Profiteure der Aktionen erfolgen.Besonders erschütternd seien die Hinweise auf die offenbar konspirativen Verhandlungen zwischen DDR-Funktionären und Konzernmanagern, sagte Bergner. Dies klinge sehr nach vorsätzlicher Missachtung medizinethischer Grundsätze unter Umgehung von Kontrollbehörden. Hier wären beide Seiten zu beschuldigen.

Schwieriger sei die Lage der Mediziner zu bewerten. Sie hätten in einer Mangelsituation in kritischen Fällen verzweifelt nach Wegen gesucht, für die eigenen Patienten wirksame Medikamente zu erhalten.
Der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Arnold Vaatz (CDU), sagteder „Mitteldeutschen Zeitung“, die westlichen Arzneimittelfirmen müssten sich zu dem „außerordentlich schwerwiegenden Verdacht“ äußern. Wenn es zu körperlichen Schäden bis hin zur Todesfolge gekommen sei, stelle sich die Frage nach Schadenersatz und AusgleichszahlungenDer Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, erklärte, die Pharmatests zeigten, dass dieAufklärung der DDR-Vergangenheit eine gesamtdeutsche Aufgabe sein müsse. (mit epd)

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