Medizin & Gesellschaft : Für eine neue Kultur des Helfens

Es ist ein falscher Ansatz, kranke oder behinderte Menschen als Träger von Defiziten zu sehen. Über die Herausforderungen des Gesundheitswesens – und damit der ganzen Gesellschaft. Ein Essay.

Ein Flur im Krankenhaus Charité in Berlin.
Ein Flur im Krankenhaus Charité in Berlin.Foto: DPA

Rudolf Virchow sagte einmal: „Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und Politik ist nichts anderes als Medizin im Großen.“ Und tatsächlich: Ein Blick in die Heilkunde und ihre Leitideen bestätigt, dass die Medizin schon immer Teil der menschlichen Kulturgeschichte war. Die Höhen und Tiefen, die Krisen und vor allem die ungelösten Probleme der menschlichen Kultur finden sich in der Medizin. In Zeiten molekularbiologischer Testverfahren scheint dieser Aspekt aus dem Blickfeld zu geraten.

Immer häufiger erscheint der Mensch allein als Träger seiner pathologischen Zellen, die man durch mikroskopische Manipulationen ins rechte Lot bringen will, koste es, was es wolle – und sei der Träger, wer er will. Vor diesem Hintergrund mag der Ausspruch von Hippokrates „Es ist wichtiger zu wissen, welche Person eine Krankheit hat, als zu wissen, welche Krankheit eine Person hat“ noch heller scheinen, weil er den Menschen in den Fokus stellt.

Der Träger von Krankheiten, der Mensch, soll für jede medizinische Maßnahme seine Einwilligung erteilen. Das kann er nur, wenn er entsprechend aufgeklärt ist, also sich ein Urteil bilden und die Folgen abschätzen kann. Genau das ist aber in der heutigen Zeit schwieriger denn je. Menschen neigen dazu, Positionen zu vertreten und Haltungen einzunehmen, die sie in ihrer vorgefassten Meinung bestärken. Bin ich eher ein waghalsiger und risikofreudiger Mensch, lasse ich mich leichter auf Behandlungen und Untersuchungen ein, bei denen Risiken bestehen.

Bin ich zurückhaltend, schüchtern und lasse Dinge eher auf mich zukommen, sieht das anders aus. Elternhaus, Kindergarten und Schule, kulturelles Umfeld, religiöse Bindung sowie der ganz persönliche Schatz an Lebenserfahrung spielen zusammen. Außerdem hängt die Entscheidung für die eine oder andere oder keine Therapie davon ab, welche Informationen jemand erhält.

Der Politikaktivist Eli Pariser hat 2011 den Begriff der „Filterbubble“ für sich selbst bestätigende, relativ geschlossene Systeme geprägt. Das passte zum Zeitgeist in den Vereinigten Staaten, und das verfing später auch in Deutschland. Diese „Blase“ lässt sich aus dem politisch-gesellschaftlichen Themenspektrum auch auf die Medizin übertragen. Man informiert sich nur noch über die Nachrichtenkanäle, die einem liegen und die mit der eigenen Grundeinstellung harmonieren. Algorithmen aus dem Internet unterstützen die einseitige Informationsvermittlung. Die Konsequenz: Man fühlt sich im eigenen Weltbild bestätigt – und im Ablehnen von anderen.

Fronten verhärten, auch zwischen Anhängern verschiedener Therapiestile

In der Folge verhärten Fronten nicht nur zwischen Rechts und Links, konservativ und progressiv, sondern beispielsweise auch zwischen Anhängern wissenschaftlich fundierter Medizin und Verfechtern alternativer Methoden. Darüber hinaus gibt es landestypische Befindlichkeiten, die Engländer von Italienern und Norweger von Deutschen unterscheiden: Die Deutschen fühlen sich schneller und heftiger als andere bedroht durch Kernkraft, Feinstaub von Dieselfahrzeugen und Pestizide, aber auch durch Gentechnik. Bezogen auf die Medizin heißt das: Für viele Deutsche lauert hinter jeder Bagatelle eine bedrohliche Krankheit. Die Folge: Man verschafft sich Sicherheit durch im internationalen Vergleich ganz besonders viele medizinische Untersuchungen. Oder: Man meidet Schutzimpfungen, auch wenn das Risiko von Impfschäden extrem gering ist. Oder: Arzneimittel landen nach dem Lesen des Beipackzettels in der Mülltonne. Zugleich sind die Deutschen erstaunlich unempfindlich gegenüber tatsächlichen Bedrohungen. Hitzewellen etwa oder den Feinstaub, der durch Massentierhaltung entsteht, oder die Trinkwasserbelastung durch Überdüngung oder das schleichende Insektensterben. Bezogen auf die Medizin wäre das etwa das Abtun von Masern als harmloser Kinderkrankheit oder dem ignorierten Risiko der Einnahme vieler Arzneimittel gleichzeitig, während Antibiotika bei Virusinfektionen fälschlicherweise häufig eingenommen werden.

Polarisierungen dieser Art führen nicht nur zu individuellen Verhärtungen und Abkapselungen sondern auch zu gesellschaftlichen. Was zur nächsten Frage führt: Wie sollen, wie können Integration und Inklusion funktionieren, wenn die Gesellschaft zersplittert, und die Gesprächsbereitschaft zwischen den Splittergruppen erodiert?

Inklusion heißt: Der Einzelne ist, wie er ist, das System ändert sich

Zur Begriffsklärung: Die Integration geht davon aus, dass eine Gesellschaft aus einer relativ homogenen Mehrheitsgruppe und einer oder mehreren kleineren Außengruppen bestehen, die in das bestehende System aufgenommen werden müssen. Das Konzept nimmt also bewusst Unterschiede wahr und verlangt vom Einzelnen, dass er sich an das Mehrheitssystem anpasst, um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Die Inklusion stellt eine Abkehr von dieser Zweigruppentheorie dar.

Sie betrachtet alle Menschen als gleichberechtigte Individuen, die unabhängig von persönlichen Merkmalen oder Voraussetzungen Teil des Ganzen sind. Sie ordnet unterschiedliche individuelle Eigenschaften und Voraussetzungen nicht auf einer Werteskala, sondern betrachtet die Vielfalt und Heterogenität der Gesellschaft als grundlegend und selbstverständlich. Hier muss sich der Einzelne dem System nicht anpassen, sondern die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen so flexibel gestaltet sein, dass sie jedem Menschen die Teilhabe ermöglichen.

Teilzuhaben bedeutet nutzen zu können, was das Leben bietet. Die meisten verbinden mit diesem Begriff Kinder und Jugendliche. Das ist falsch. Inklusion bedeutet im Grundsatz unbeschränkten Zugang für Menschen aller Altersklassen mit Beeinträchtigungen. Es besteht Konsens darüber, dass man Inklusion nicht ohne Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen in kurzer Zeit umsetzen kann. Trotzdem hat man – vor allem im Bereich Kita und Schule – genau das versucht. Das Ergebnis: Ideologische Verhärtungen haben die Polarisierung in der Gesellschaft in „normal“ und „nicht normal“ eher verstärkt.

In Paragraph 10 im Ersten Buch des Sozialgesetzbuchs heißt es „Wer körperlich, geistig oder seelisch behindert ist oder wem eine solche Behinderung droht, hat unabhängig von der Ursache der Behinderung ein Recht auf Hilfe, die notwendig ist, um die Behinderung abzuwenden, zu beseitigen, zu bessern, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder ihre Folgen zu mildern und ihm seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechenden Platz in der Gesellschaft, insbesondere im Arbeitsleben, zu sichern.“

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