Mensch und Arbeitswelt : Nicht Plage, Freude soll es sein!

Die Babyboomer streben in Frührente, Nachwuchskräfte fehlen. Das liegt auch am Image von Arbeit. Und das ist eine Warnung. Ein Kommentar.

Geht das auch schneller? Moderne Maschinen erfassen die Leistung der Menschen, die an ihnen arbeiten, genau.
Geht das auch schneller? Moderne Maschinen erfassen die Leistung der Menschen, die an ihnen arbeiten, genau.Foto: picture alliance / dpa

Arbeit ist ein schwerer Brocken. Eine Last, die der Mensch durchs Leben schleppt. Das gemeine Streben hierzulande lautet: Bloß weg davon. Ist der Arbeitstag rum, wird "Feierabend" skandiert, als ginge es zu einer Party. Ist Freitag, lacht das Wochenende, ist Montag, droht die lange Arbeitswoche.

Dazu passen die Ergebnisse einer Studie der Universität Wuppertal, nach der 69 Prozent der derzeit berufstätigen Babyboomer nicht erst mit 65 Jahren in Rente gehen wollen, sondern möglichst früh. Das ist für eine Industrienation wie Deutschland keine gute Nachricht, vielleicht ist sie sogar dramatisch. Schon jetzt kreisen Meldungen aus dem Bereich Arbeit vor allem um negative Entwicklungen: Der Fachkräftemangel wächst, Betriebe müssen Aufträge ablehnen, Krankenhäuser bei fehlenden Pflegekräften perspektivisch Stationen schließen, Verwaltungen kommen mit dem Abarbeiten nicht hinterher, überall fehlen Lehrkräfte. Dazu kommen die Herausforderungen der Digitalisierung, die zwar von vielen Seiten schöngeredet werden, aber bisher vor allem zu wachsendem Stress und neuen Überlastungssymptomen geführt haben.

Dass im Zuge der Digitalisierung viel über neue Arbeitsformen diskutiert wird, ist gut. Die frühverrentungslustigen Babyboomer könnten interessante Hinweise liefern, wie das sinnvollerweise geschehen soll. Ihre Befragung durch die Arbeitsforscher hat nämlich eine auffallende Diskrepanz ergeben. Es ist nicht ausdrücklich das Verhältnis zum eigenen Job, das die Ausstiegswünsche auslöst – eine überwiegende Mehrheit betrachtet die eigene Tätigkeit als sinnvoll –, es ist stattdessen die "Arbeit an sich", von der man sich trennen will.

Digitalisierung gefährdet die Selbstverantwortung

Arbeit hat in Deutschland kein positives Image. Sie ist Synonym für Last und Plage, für Fremdbestimmtheit und Druck von außen. Das gilt es zu ändern. Und zwar dringend, wenn zur Nachwuchsbrache nicht noch die Frührentnerwüste kommen soll, die Beschäftigtenzahlen also von unten und von oben erodieren.

Wenn es um ein entspanntes Verhältnis zur Arbeit an sich geht, verweisen Arbeitswissenschaftler auf skandinavische Länder, besonders Norwegen, wo mit der vergleichsweise geringsten Arbeitszeit die höchste Produktivität erzielt wird. Dort würde die Frage „Wie lange wirst du arbeiten?“ mit „Ich will bis zu diesem oder jenem Alter arbeiten“ beantwortet, in Deutschland dagegen höre man: „Ich muss bis zu diesem oder jenem Alter arbeiten.“ Und wer will schon müssen? Man will lieber wollen. Entsprechend wichtig ist Arbeitnehmern, das bestätigen auch die Wuppertaler Forscher, ein möglichst hohes Maß an Selbstverantwortung und Selbstbestimmung. Dafür spricht auch, dass viele derjenigen, die möglichst früh in Rente gehen wollen, sich ein Weitermachen als Nebenjob sehr gut vorstellen können oder länger arbeiten würden, wenn sie von ihren Betrieben hören würden: Bleib doch noch, wir brauchen dich!

Arbeiten aus freiwilliger Entscheidung, das ist der Kern einer guten Beziehung von Mensch und Beruf. Und das ist ein Punkt, der die Debatte um Arbeit 4.0 auf neue Schienen setzen könnte.
Die Digitalisierung bietet besonders viele Möglichkeiten für Effizienzsteigerung durch genau getaktete Produktionsabläufe, für Kontrolle und Überwachung. Das ist eher die kühle Logik des betriebswirtschaftlichen Blicks, mit der auf Prozesse und Abläufe geschaut wird. Wenn die Menschen sich dadurch an den Rand gedrängt fühlen, könnte genau das ihre Beziehungen zur Arbeit demolieren.

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