• Merkel-Interview in britischer Zeitung: „Die Europäische Union ist unsere Lebensversicherung“

Merkel-Interview in britischer Zeitung : „Die Europäische Union ist unsere Lebensversicherung“

In der „Financial Times“ setzt Merkel andere Themen als in Deutschland: Digitales, China, Afrika sind wichtig. Klima, Trump, Putin nicht. Eine Analyse.

Angela Merkel gab der britischen "Financial Times" ein Interview.
Angela Merkel gab der britischen "Financial Times" ein Interview.Foto: Darko Vojinovic/AP/dpa

Angela Merkel gibt wenig Zeitungsinterviews, nach der Liste des Kanzleramts ein großes 2019, zwei 2018, drei 2017. Das Bild der Bundesbürger davon, wie sie die Welt sieht, welche Prioritäten sie für Deutschlands internationales Auftreten setzt, mit wem sie gut kann und mit wem weniger, wird mehr von ihren Interpreten in Presse und Rundfunk gezeichnet als von ihr selbst.

Deutschland ist zu klein für geopolitische Macht

Da wirkt ihr Gespräch mit dem Herausgeber der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times", Lionel Barber, kurz vor dessen 65. Geburtstag, wie ein Kontrapunkt (Link zur FT hier, Text auf deutsch hier). Die Themen und Prioritäten sind andere als in der innerdeutschen Debatte.

Die digitale Revolution, den Fachkräftemangel, den Umgang mit China und mit Afrika beschreibt Merkel als drängende Herausforderungen. Die Stichworte, die in Deutschland für Aufregung sorgen - Klimawandel, Kohleausstieg, Greta und "Fridays for Future", Flüchtlingskrise und Seenotrettung, die Konflikte mit Donald Trump, das Verhältnis zu Russland und Putin - kommen gar nicht vor oder werden gegen den Strich gebürstet. Der vielleicht schönste Satz des Interviews: "Ich glaube ja sowieso, dass unsere Lebensversicherung die Europäische Union ist. Deutschland ist viel zu klein, um alleine geopolitische Macht zu entfalten."

Immer wieder streut Merkel leise Kritik an Deutschland und an der EU ein. In strategischen Bereichen sind sie nicht mehr Spitze und konzentrieren ihre Energien womöglich nicht auf die wichtigsten Aspekte. Europa müsste Spitze bei der Entwicklung von Chips und Batteriezellen sein. Im Mittelpunkt der Debatte stehe jedoch ein sehr spezifisch europäisches Verständnis von Umgang mit Daten. Und nicht. wie man Technologieführerschaft zurückgewinnt.

Neben der Digitalisierung sei der Fachkräftemangel eine große Herausforderung für Deutschlands Erfolg. Die Deutschen haben ein Demografie-Problem. Diskutieren sie mit Leidenschaft, wie sie es lösen?

Merkel sagt: Angst ist kein guter Ratgeber

Der Blickwinkel und der Sound sind anders, als man es im deutschen Journalismus kennt. Merkel erläutert ihre Sicht der großen Linien, der historischen Prozesse und Veränderungen; die tagesaktuellen Fragen und Entscheidungen treten in den Hintergrund. Es geht auch kaum um politische oder moralische Werturteile – wer die Guten und die Bösen seien oder wer Recht und wer Unrecht habe. Oder um die deutschen Ängste. "Angst ist kein guter Ratgeber. Man muss doch fragen: Was ist gut für uns? Was machen wir aus einer bestimmten Situation?"

Merkel geht es um die Verschiebung der Gewichte, zum Beispiel in der Weltwirtschaft. China habe seinen Anteil in den vergangenen 30 Jahren von 1,7 auf 16,3 Prozent verzehnfacht, die USA ihren Anteil von 25 Prozent in etwa gehalten, Deutschland ist von 6,8 auf 4,5 Prozent zurückgefallen. Woran liegt das?

Wir können nicht ohne die USA – sie aber ohne uns

Gefragt nach ihrem Verhältnis zu Trump, tappt Merkel natürlich nicht in die Falle, ihre Gefühle zu offenbaren. Aber sie belässt es auch nicht beim diplomatischen Ausweichmanöver. Sie hält eine strukturelle Veränderung für wichtiger als die Person. Für die USA ist Europa nicht mehr der Nabel der Welt. Sie konzentrierten sich auf Asien und spürten auch keine Notwendigkeit, um gute Beziehungen zu Europa zu werben.

Umgekehrt wachse das Bewusstsein in Deutschland und Europa, wie wichtig gute Beziehungen zu den USA für sie sind, besonders in der Sicherheitspolitik, aber nicht nur da. Deutschland und Europa können nicht ohne die USA, analysiert Merkel. Noch so ein Kontrapunkt zum üblichen Sound in der deutschen Öffentlichkeit.

Unaufgeregt und pragmatisch spricht sie auch über China und dessen Aufstieg. "Ich rate davon ab, China jetzt einfach nur, weil es wirtschaftlich erfolgreich ist, als ökonomische Bedrohung zu empfinden. China hat gute Ideen, China entwickelt sich schnell." Die Werte seines politischen Systems teile sie nicht, betont Merkel. China habe jedoch die früher geltende Regel widerlegt, dass diktatorische Systeme unfähig zu wirtschaftlichem Erfolg seien. Das müsse man zur Kenntnis nehmen. Abschottung von China sei nicht die Antwort, sondern faire Regeln für geistiges Eigentum, Subventionen, Handel einfordern. Und selbst besser werden.

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