Merkels Europa-Pläne : Politikvermittlung mit Hürden

Die Bundeskanzlerin hat erklärt, wie sie sich das künftige Europa vorstellt. Endlich! Aber warum in einem Interview mit einer Zeitung, die man sich kaufen müsste, um mehr zu erfahren? Ein Zwischenruf.

Wo sieht Angela Merkel Reformbedarf in der EU? Ein bisschen was davon hat sie jetzt verraten.
Wo sieht Angela Merkel Reformbedarf in der EU? Ein bisschen was davon hat sie jetzt verraten.Foto: picture alliance / Darko Vojinov

Eins vielleicht vorneweg: Es geht nicht um brancheninternen Neid, wenn ich als Tagesspiegel-Redakteurin darüber klage, dass die Bundeskanzlerin ihre lang erwarteten Europa-Überlegungen, vulgo: "die Antwort auf Macron", in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" verlauten lässt. Ich klage darüber, weil ich als Bürgerin dieses Landes und der EU finde, dass derart grundsätzliche Überlegungen niedrigschwelliger unters Volk (also auch zu mir) gebracht werden müssen - denn da gehören sie hin. Niedrigschwelliger im Sinne von weniger exklusiv.

So wird stattdessen allen ein bisschen recht gegeben, die Europa als Elitenprojekt betrieben sehen. Schon der französische Präsident Emmanuel Macron wählte für seine Reformrede zur Europäischen Union nicht etwa eine Ansprache an alle Franzosen oder ein Gespräch mit einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, sondern er formulierte seine grundstürzenden Worte im Amphitheater der Pariser Sorbonne. Sein Publikum: Studierende der Eliteuniversität. Ob das die richtige Anmutung, das passende Flair zu einem Thema ist, das alle Menschen in der EU angeht, aber bei vielen Assoziationen zu politischer Abgehobenheiten hervorruft?

Warum nicht via ARD oder ZDF? Die empfängt man "gratis"

Die Kanzlerin hätte via ARD oder ZDF auf Macrons Reformideen antworten können. Die Sender erreichen jeden und sie anzuschauen kostet - weil per Zwangsgebühr vorab bezahlt - niemanden extra. Ein live geführtes TV-Interview wäre unmittelbarer gewesen als ein gedrucktes. Das Interview mit einer Zeitung, die erwerbbar gegen Zahlung von 4,20 Euro ist, macht das Gesagte auch zum privaten Scoop einer Marke. Man kann sich gut darüber streiten, ob das das richtige Format für grundsätzliche Botschaften der Regierungschefin ist.

Und schließlich gibt es auch noch den Bundestag, in dem die Abgeordneten, die Volksvertreter, sitzen. Auch der wäre eine gute Bühne zur Darlegung europapolitischer Reformüberlegungen. Und gab es nicht auch mal irgendwo die Idee von einem "Bürgerforum"? Wie weiter mit Europa?, wäre eine gute Frage für dessen Premiere (gewesen).

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