Mexiko : Linker Populist López Obrador gilt als Präsidentschaftsfavorit

Andrés Manuel López Obrador ist der Held der frustrierten Wählermassen in Mexiko. In Meinungsumfragen vor der Präsidenschaftswahl führt er deutlich.

Sandra Weiß
Populär. López Obrador wird von vielen Mexikanern bejubelt.
Populär. López Obrador wird von vielen Mexikanern bejubelt.Foto: REUTERS

Ofelia Teloxa ist mit ihrer Tochter gekommen und hat auch ihre 80-jährige Mutter im Rollstuhl mitgebracht. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel auf das Areal im zentralmexikanischen Zacatelco, das sonst die Liegewiese eines Freibads ist. Sie erwarten den führenden Bewerber um die Präsidentschaft Mexikos, Andrés Manuel López Obrador. „Er ist der einzige, der zu uns kommt“, begründet die 53-Jährige ihre Vorliebe für López, „Wir lieben ihn, er ist aufrichtig, hat eine harte Hand und kennt die Sorgen des Volkes“. Als der rüstige 64-Jährige mit dem silbernen Haarschopf auftaucht, bricht Jubelgeschrei los als kletterte ein Showstar auf die Bühne.

Und „Amlo“, wie er im Volksmund genannt wird, enttäuscht sein Publikum nicht. Der ehemalige Hauptstadtbürgermeister verspricht eine „friedliche Revolution“, sagt dem „korrupten Machtkartell“ den Kampf an, das das Land ausbeute. Er verspricht Stipendien und Renten, was er zuvor in der Hauptstadt auch umgesetzt hat, den Bauern stellt er direkte Subventionen und weniger konkurrierende Importe in Aussicht, den Lehrern will er mehr bezahlen, Krankenhäuser besser ausstatten. Finanzieren werde er das, indem er die Löhne und Privilegien „der da oben“ kürze, „angefangen bei meinem Präsidentengehalt, das ich halbieren werde“.

Seine Versprechen sind nicht neu – schon 2006 und 2012 trat Amlo mit ähnlichen an und wurde zweimal knapp geschlagen – einmal vom Konservativen Felipe Calderón, der danach den Drogenkrieg anzettelte, und dann von Enrique Peña Nieto (PRI), dessen Amtszeit von Korruptionsskandalen überschattet war. Diesmal führt Amlo in Meinungsumfragen deutlich.

Er hebt sich von der prahlerischen Politikerkaste ab

Mexikos Wirtschaft wuchs in diesen zwölf Jahren zwar um jährlich durchschnittlich 2,2 Prozent, das Land industrialisierte sich und entwickelte sich zum viertgrößten Automobilexporteur. Dank der Ausweitung der Konsumentenkredite etablierte sich eine Mittelschicht mit Ambitionen – wenngleich vieles davon auf Pump war. Doch gleichzeitig verdoppelte sich die Mordrate, wegen der hohen Inflation von 4,5 Prozent fielen die Reallöhne, und die Armut verharrte bei 36 Prozent. Mexikos Strategie, im Rahmen des 1994 abgeschlossenen Nordamerikanischen Freihandelsabkommens auf den zollfreien Zugang zum US-Markt und Billiglöhne zu setzen, geriet an ihre Grenzen. Ökonomen sprechen von der „Falle des mittleren Einkommens“, wenn die durch Industrialisierung und niedrige Löhne erzielten Produktionszuwächse ausgeschöpft sind, bevor die Heranbildung von technologischer Substanz einen Übergang zu besseren Gehältern und einem Wirtschaftsmodell mit höherer Produktivität erlaubt.

Teloxa weiß, was das bedeutet: Für ihre Mutter muss sie im staatlichen Gesundheitsdienst oft tagelang um Arzttermine und Medikamente anstehen. Ihr Mann hat ein Leben lang in einer Textilfabrik für einen Hungerlohn geschuftet und eine magere Rente in Aussicht. Peñas Steuerreformen haben die Ausgaben für Strom, Benzin und Transport in die Höhe getrieben. Nicht einmal die nächste Generation hat Aufstiegschancen, obwohl sie ihrer Tochter eine Ausbildung zur Krankenschwester finanziert hat. Trotzdem findet sie keine feste Anstellung. Rund die Hälfte der mexikanischen Arbeitnehmer sind informell tätig. Die Arbeitgeber scheuen Festanstellungen wegen der Sozialabgaben und den Gewerkschaften. Und die Löhne sind derart niedrig, dass viele Mexikaner schwarz mehr verdienen. Der Mindestlohn von umgerechnet 105 Euro monatlich liegt nach Angaben der Lateinamerikanischen UN-Wirtschaftskommission unter der Armutsgrenze.

Viel Frust hat sich angestaut, Amlo spricht ihn aus. Als Plus kann er verbuchen, dass er einen Mittelschichts-Lebensstil pflegt, der ihn von der neureich-prahlerischen Politikerkaste abhebt. Für den Professor Javier Sicilia werden Amlos simple Rezepte die Probleme nicht lösen, „aber ich hoffe, dass er gewinnt, damit wir Mexikaner endlich aufhören, an einen Erlöser zu glauben und anfangen, mit einem nationalen Pakt eine andere Form der Basisdemokratie auszuprobieren.“

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