Musikpreis "Echo" : Da liegt Auschwitz nun mal nahe

Zwei Rapper wollen mit einer Textzeile über das deutsche KZ provozieren. Der Ärger hält sich in Grenzen: ein Ethik-Beirat winkte die beiden durch. Ein Kommentar.

Amateur-Politologen auf dem Weg zum "Echo": Die Rapper «Kollegah» und Farid Bang.
Amateur-Politologen auf dem Weg zum "Echo": Die Rapper «Kollegah» und Farid Bang.Foto: Andreas Gebert, Ursula Düren, dpa

Die Feinheiten der Sprache beschäftigen uns sehr im Moment, das ist nun mal so. Wer öffentlich redet, der sollte auf keinen Fall irgendwelche Minderheiten beleidigen, keine Schneeflöckchen erschrecken, immer auf dem Laufenden sein, was die aktuellen Vorschriften angeht, und zum Beispiel Neuerungen wie die „Persons of Colour“ zügig in die deutsche Umgangssprache einfügen.

Dieser Schutzraum der Achtsamkeit kennt nur wenige Ausnahmen. Eine gilt offenbar für Rapper, die meist sowieso derart auf Englisch daherquasseln, dass niemand was versteht. Aber auf Deutsch? Die Rapper Farid Bang und Kollegah zum Beispiel haben in einer ihrer erfolgreichen Nummern, dem Song „0815“, den griffigen Satz formuliert: „Mein Körper ist definierter als von Auschwitz-Insassen“. Gott ja, sagen nun viele, die Jungs sind ein bisschen stulle, haben in der Schule, sofern anwesend, durchgepennt und wollen provozieren, da liegt Auschwitz nahe. Ist halt deren Kultur!

Nominiert für den Integrations-Bambi

So war es jedenfalls, bis ihr schönes Album mit diesem Stück, „Jung, brutal, gutaussehend 3“, auch noch für den Musikpreis „Echo“ am kommenden Donnerstag nominiert wurde, was anscheinend nicht nur enorme Verkaufszahlen, sondern auch das Votum einer Jury voraussetzt. Und das gab nun doch derartigen Ärger, dass eigens der Ethikbeirat des Preises zusammengerufen wurde. Er tagte in hoher Ernsthaftigkeit, nannte einige der inkriminierten Texte „provozierend, respektlos und voller Gewalt“, was offenbar auch ein paar Reime zum Anschlag am Breitscheidplatz betrifft – und winkte die beiden Amateur-Politologen dann zur TV-Gala mit Gewinnchance durch: Man habe eine schwiiiierige Abwägung vorgenommen und zugunsten der Kunst- und Meinungsfreiheit entschieden, hieß es. Und: Ein formaler Ausschluss sei nicht der richtige Weg.

Wie dieser richtige Weg dann aber aussehen könnte, geht aus dem Votum des Ethikbeirates leider nicht hervor. Möglicherweise bietet sich eine Idee zur Läuterung der beiden Gesangshelden an, die seinerzeit schon beim Kollegen Bushido mit großem Erfolg angewandt wurde: Man könnte ihnen bei nächster Gelegenheit auch einen Integrations-Bambi spendieren. Der ist zwar nicht leicht zu begründen, aber ein paar Gedanken in Richtung „Holt die migrantische Jugend bei ihren Vorurteilen ab“ müssten es eigentlich tun. Im deutschen Fernsehen hat noch jeder auf den rechten Weg gefunden.

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