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Nach Ausschreitungen in Flüchtlingscamp auf Malta : Jetzt versorgen Freiwillige die Migranten mit Essen

Auch die Crew des Rettungsschiffs "Lifeline" kocht. Mitarbeiter im Camp erlitten Traumata, können nicht arbeiten. Das Camp ist funktionsunfähig.

Autos in Flammen. Im offenen Migrantenlager Hal Far auf Malta gab es Ausschreitungen. Andere Bewohner beschützten die Mitarbeiter.
Autos in Flammen. Im offenen Migrantenlager Hal Far auf Malta gab es Ausschreitungen. Andere Bewohner beschützten die Mitarbeiter.Foto: REUTERS/Darrin Zammit Lupi

Malta bemüht sich jetzt darum, die Essensversorgung von Migranten und Flüchtlingen dank der Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Nichtregierungsorganisationen sicherzustellen. So geben seit Donnerstag freiwillige Helfer im "Peace Lab"-Zentrum Speisen aus: Nudeln, Soße, Brot, ein Stück Kuchen. Auch Crew-Mitglieder des Such- und Rettungsschiffes "Lifeline" helfen bei der Versorgung der Migranten und Geflüchteten, sie kochen an Bord Speisen und verteilen diese.

Mitarbeiter nach Ausschreitungen nicht dienstfähig

Die Asylbehörde "Agency for the Welfare of Asylum Seekers (AWAS)" bestätigte, dass sie seit dem Feuer und dem Aufruhr vom 20. Oktober derzeit nicht in der Lage ist, Verwaltung und Lebensmittelausgabe zu organisieren. Das Verwaltungsgebäude sei baulich unsicher und die Elektrik ist beschädigt. Mehrere Mitarbeiter seien zudem krankgeschrieben, nachdem sie bei den Ausschreitungen Schocks oder traumatisierende Erlebnisse erlitten, verletzt wurden. Migranten sagten der "Times of Malta" weiter, dass es im "Zelt-Stadt" genannten Containerdorf kaum noch Strom gebe.

Das offene Zentrum Half Far ist nach Auskunft von AWAS infolge der Schäden durch die Ausschreitungen derzeit nicht funktionstüchtig, und die Büros sind komplett zerstört. Man arbeite daran, so schnell wie möglich wieder alles wiederherzustellen.

Keine Essensausgabe mehr

Nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Migranten und Polizisten in einem Flüchtlingslager auf Malta war die Versorgung der Bewohner mit Essensrationen eingestellt worden, zudem gibt es keine Unterstützung in rechtlichen und medizinischen Fragen mehr, die Versorgung ruht, kritisierten Menschenrechtsgruppen und Bewohner. Seit dem Ausbruch am Sonntag würden in dem Zentrum im Süden der Insel keine Nahrungsmittel mehr ausgegeben, meldet die Tageszeitung „Times of Malta “ in ihrer Internetausgabe.

Papiere beim Feuer verbrannt? Dann kein Einlass

Flüchtlinge und Migranten sind nun darauf angewiesen, sich mit einem Tagessatz von maximal 4,66 Euro selbst zu versorgen. Dies sei insbesondere für Minderjährige schwierig, da sie nicht arbeiten und Geld dazu verdienen dürften, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Bewohner. Zudem erhalten Flüchtlinge, deren Papiere bei den Ausschreitungen verbrannt sind, keinen Zugang zum Lager mehr. Wo sie jetzt leben und schlafen, ist unklar. Asylbewerber können üblicherweise bis zu ein Jahr in Hal Far leben, es wird aber erwartet, dass sie in der Zeit einen Job und eine Wohnung finden. Während sie in dem offenen Containercamp leben, erhält jeder eine monatliche Unterstützung von rund 130 Euro. Bei den Ausschreitungen war auch ein Container mit Sanitäts- und Aktenbereich angesteckt worden.

Lagerleiter nimmt Migranten in Schutz

Eine Sondereinheit der Polizei hatte am Montag das Zentrum im Süden der Insel gestürmt, nachdem in der Nacht ein Beamter verletzt sowie mehrere Wagen und Räumlichkeiten in Brand gesteckt worden waren. Etliche Migranten wurden festgenommen. Am Vorabend hatten Beamte einem betrunkenen Bewohner den Zugang verwehrt. Daraufhin soll es zu einem Streit gekommen sein, Bewohner protestierten gegen das Vorgehen der Polizei, alles geriet außer Kontrolle. Es wird jetzt gegen 90 Migranten ermittelt.

Unterdessen hat der Leiter des Containercamps Hal Far jenen Migranten gedankt, die beim gewaltsamen Aufstand die Mitarbeiter der Asylbehörde „Agency for the Welfare of Asylum Seekers“ (AWAS) beschützten und sich vor die Sicherheitskräfte stellten. Man dürfe nicht einen verallgemeinernden Eindruck hinterlassen, dass alles schlecht sei.

Ein Flüchtlingslager in Europa. Dieser Mann aus Afghanistan behilft sich im Camp Moria auf Lesbos in Griechenland Insel - alles improvisiert.
Ein Flüchtlingslager in Europa. Dieser Mann aus Afghanistan behilft sich im Camp Moria auf Lesbos in Griechenland Insel - alles...Foto: Annette Kögel

Angesicht der derzeitigen Lage in Hal Far auf Malta dürfte sich die angespannte Lage dort sowie parallel auch in den Flüchtlingscamps an den EU-Außengrenzen weiter verschärfen. Auf Malta kommen weiter regelmäßig Schutzsuchende, vor allem aus Afrika, an - auf allen anderen Inseln im Mittelmeer landen täglich und nächtlich weiter Hunderte Migranten und Geflüchtete an. Nach Tagesspiegel-Informationen leben jetzt im improvisierten Flüchtlingscamp Moria auf der griechischem Ostägäis-Insel Lesbos bereits mehr als 14 000 Menschen, das sind beinahe viermal so viele Menschen, wie das eigentliche Campareal fassen kann. Deswegen hausen in den Olivenhainen drumherum Menschen unter Planen, auf Pappe und auf der Straße, zwischen Müll und Kloake, die Zustände sind slumähnlich. Die Wartezeit für den offiziellen Registriertermin und damit für den Beginn eines Asylverfahrens im ursprünglichen "Hotspot" liegt nach Tagesspiegel-Informationen angesichts der Masse der Menschen derzeit bei mindestens einem Jahr.

Türkische Küstenwacht drängt Boote zurück

Fast die Hälfte der Bewohner auf Teppichen, Planen, unter Plastikfolien, ohne Schutz, Sicherheit, Registrierung und bei fehlender sanitärer Versorgung sind Kinder und Jugendliche, oft allein als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge unterwegs. Immer wieder ertrinken Menschen, so kam bei einem Zusammenstoß eines Bootes der griechischen Küstenwache mit einem Migrantenschlauchboot ein kleiner Junge ums Leben, mehrere Menschen wurden verletzt, einer wird noch vermisst. Die Schlauch- oder Fischerboote setzen zumeist im Schutze der Nacht von der Türkei aus über, daher sind sie nicht beleuchtet, um nicht entdeckt zu werden. Während die türkische Küstenwacht entdeckte Boote zurückdrängt oder zieht, wobei auch Unglücke passieren, nimmt die griechische Küstenwacht, dem humanitären Schutz verpflichtet, Menschen zur Rettung auf beziehungsweise bittet Nichtregierungsorganisationen zur Hilfe.

Warten auf die Flüchtlingsboote aus der Türkei. Eine ganz normale Nacht im Norden von Lesbos, Griechenland.
Warten auf die Flüchtlingsboote aus der Türkei. Eine ganz normale Nacht im Norden von Lesbos, Griechenland.Foto: Annette Kögel

Zuletzt hatte es in Moria sowie im ebenfalls völlig überfüllten Lager nahe der Inselhauptstadt Vathy auf Samos Aufruhr mit mindestens einem Toten und mehreren Verletzten gegeben. Auf Lesbos brannte eine Kochstelle, dann brach Panik aus, es entzündete sich ein Konflikt. Auf Samos legten protestierende Migranten Feuer - die ohnehin oft traumatisierten Menschen verlieren in den Ausnahmesituationen in den völlig prekären Lagen in improvisierten Behausungen ohne Struktur und Perspektive leicht die Fassung. Die meisten Geflüchteten wollen über das Festland weiter nach Deutschland, weil dort oft schon Verwandte sind und die Versorgung im europaweiten Vergleich am besten. Manche wollen auch weiter in andere europäische Länder im Norden, aus ihrer Sicht sitzen die Migranten aber ausweglos fest und kommen nicht voran. Auch die Balkanroute ist nur mit viel Geld an Schlepper oder für gefälschte Papiere für Flüge zu überwinden.

Steinwürfe auf Flüchtlingsbusse in Nordgriechenland

Die griechische Bevölkerung zeigt sich auch auf den überfüllten Inseln oft noch solidarisch mit den Menschen in Not, fühlt sich aber auch völlig überfordert angesichts der Anzahl der Ankommenden und des nicht endenden Zustroms. Teils werden aus Not in der Nachbarschaft von Camps Obstplantagen geplündert, Tiere gestohlen, weil die überfüllten Camps nicht genug Essen für alle Bewohner anbieten. Die Nerven liegen vielfach blank, auf allen Seiten: Auf dem Festland wurde jetzt ein Bus mit Flüchtlingen mit Steinen beworfen. Derzeit bringt Athen regelmäßig weiter Hunderte Migranten und Flüchtlinge auf den großen Fähren aufs Festland, über die angekündigten Rückführungen in die Türkei gibt es noch keine Meldungen. (mit epd)

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