Nach dem Brexit : Britische Krebspatienten fürchten um Zugang zu Strahlentherapie

Der EU-Austritt der Briten hätte auch Folgen für Krebspatienten aus dem Königreich. Britische Parlamentarier fordern Garantien für den Zugang zu neuen Therapien auch nach dem Brexit.

Benjamin Fox
Der Brexit-Minister Davis hat den Aufbau einer eigenen Atom-Regulierungsbehörde angekündigt.
Der Brexit-Minister Davis hat den Aufbau einer eigenen Atom-Regulierungsbehörde angekündigt.Foto: AFP

In einem am Montag veröffentlichten Bericht warnte der Unterhaus-Ausschuss des „European Scrutiny Committee“, dass die zuständigen Minister klarstellen müssten, „welche Vereinbarungen für den Import von medizinischen Isotopen nach dem Brexit gelten.“ Das Scrutiny Committee ist ein Ausschuss des britischen Parlaments, der sich mit den politischen und juristischen Auswirkungen von EU-Dokumenten auseinandersetzt.

Die Frage, ob britische Krebspatienten zukünftig den Zugang zu neuartigen Therapiemethoden verlieren könnten, besorgt die britische Medizin-Fachwelt, seit Premierministerin Theresa May im März des vergangenen Jahres der Artikel 50 des EU-Vertrages aktiviert und damit das Austrittsverfahren eingeleitet wurde. Denn in einem Brief an den EU-Ratschef Donald Tusk hatte May damals gleichzeitig erklärt, das Land werde auch aus der Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) ausscheiden.

London will eigene Atom-Regulierungsbehörde aufbauen

Der Brexit-Beauftragte und Chefverhandler David Davis hat angekündigt, Großbritannien werde stattdessen eine eigene Atom-Regulierungsbehörde aufbauen. Dennoch bleibt die Sorge, dass neue Zölle auf die Einfuhr von Radioisotopen erhoben werden könnten. Diese ist ohnehin bereits sehr strikt reguliert.

Im November hatte John Buscombe, der Präsident der „British Nuclear Medicine Society“, im Oberhaus unterstrichen, dass jedes Jahr fast eine Million Menschen in Großbritannien Strahlentherapien erhalten. 80 Prozent der dafür benötigten Materialien werden aus anderen EU-Ländern importiert.

Energieminister Richard Harrington versicherte allerdings „ausdrücklich, dass die Möglichkeiten Großbritanniens, Isotope aus der EU oder dem Rest der Welt einzuführen, durch den Ausstieg aus Euratom nicht beeinträchtigt werden.“

Besorgte Onkologen und Radiologen erinnern an den zwei Jahre andauernden Engpass zwischen 2008 und 2010, als Zulieferer-Reaktoren in Kanada und den Niederlanden geschlossen wurden, die Molybdän-99 lieferten. Dieses Isotop ist der in der Nuklearmedizin am häufigsten verwendete Stoff. Das genutzte Molybdän-99 und sein Zerfallsprodukt Technetium-99m werden nicht in Großbritannien hergestellt.

„Ich habe während des Technetium-Engpasses, der weit über ein Jahr andauerte, als Brustkrebs-Chirurgin gearbeitet. In dieser Zeit mussten wir die durchgeführten Knochenscans auf die dringendsten und besorgniserregendsten Fälle reduzieren,“ erklärte Philippa Whitford, Parlamentsabgeordnete und Mitglied des „European Scrutiny Committee“.

Atomindustrieverband fordert Übergangsabkommen

Der Atomindustrieverband NIA fordert ein Übergangsabkommen, mit dem die aktuellen Vereinbarungen im Rahmen von Euratom auch nach dem Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union im März 2019 beibehalten werden. Dieses müsse Bestand haben, bis Großbritannien ein neues Atom-Kooperationsabkommen mit der EU geschlossen hat.

Der Parlamentsausschuss für den Brexit trifft sich an diesem Donnerstag an der Universität Cambridge mit der Wissenschaftsorganisation und Aufklärungskampagne „Cancer Research UK“. Bei dem Treffen soll es neben der Euratom-Frage um weiteres Engagement Großbritanniens in EU-Agenturen sowie um die Sicherung von Wissenschaftsförderungen nach dem Brexit gehen.

Übersetzung: Tim Steins

Erschienen bei EurActiv.

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