Wie sich Neonazis in Griechenland formieren

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Nach der Frankreich-Wahl : Europa-Kritiker im Aufwind
Maartje Somers

GRIECHENLAND

Neonazis auf dem Sprung ins Parlament

Lange wurde die „Chrysi Avgi“ (Goldene Morgenröte) in Griechenland als unbedeutende politische Sekte belächelt. Bei der Wahl vom Oktober 2009 kamen die Rechtsextremisten gerade mal auf 0,29 Prozent. Aber schon im Jahr darauf eroberten sie bei den Kommunalwahlen mit 5,3 Prozent einen Sitz im Athener Stadtrat. Und nun prognostizieren ihnen die Meinungsforscher für die Parlamentswahl am 6. Mai rund sechs Prozent. Das würde für 15 Sitze im Parlament reichen. Der unerwartete Erfolg der französischen Nationalisten sei „ein gutes Omen“, heißt es bei der „Chrysi Avgi“. Die Partei bezeichnet sich als „national-sozialistisch“, kämpft für „Nation, Rasse und Volk“, ihr Symbol erinnert an ein Hakenkreuz. Parteichef Nikos Michaloliakos lässt sich als „Führer“ feiern, und bei den Wahlversammlungen zeigen die Anhänger den Hitlergruß.

Seit immer mehr illegale Einwanderer nach Griechenland strömen und in Athen ganze Straßenzüge zu Elendsquartieren verkommen, hat die „Chrysi Avgi“ ihr Thema gefunden. Nun leitet die Wirtschaftskrise weiteres Wasser auf ihre Mühlen. „Jeder Einwanderer macht einen Griechen arbeitslos“, ruft Ilias Kasidiaris auf seinen Kundgebungen. Der junge Mann gilt als aufsteigender Star der Partei. Kasidiaris weiß, was seine Anhänger hören wollen: „Ausländer raus“, ist sein Motto. Und Anhänger der Partei verstehen: Nach Einbruch der Dunkelheit machen in Athen rechte Schlägertrupps mit Knüppeln Jagd auf dunkelhäutige Ausländer. „Griechenland den Griechen“ steht auf den Stickern, die sie überall an die Hausfassaden kleben. Die Partei will alle illegalen Einwanderer deportieren und die Grenze zur Türkei, über die jede Nacht Hunderte ins Land kommen, verminen. Auch in der Wirtschaftskrise zeigen die griechischen Faschisten klare Kante: Die für das Schuldendesaster verantwortlichen Politiker sollen vor ein Sondergericht gestellt und in Straflager auf einsame Inseln verbannt werden. So machte es schon die griechische Obristendiktatur mit ihren Kritikern. Den Schuldendienst will die Partei sofort einstellen, zur Drachme zurückkehren und so die „nationale Souveränität“ wiedergewinnen. Gerd Höhler

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