Nach der Wahl Erdogans : „Türken halten unsere Aufregung für eine Marotte“

Nach der Wahl in der Türkei standen die in Deutschland lebenden Türken im Fokus. Warum haben sie wie gewählt? Ein Interview mit Barbara John.

Barbara John war mehr als 20 Jahre Berlins Ausländerbeauftragte.
Barbara John war mehr als 20 Jahre Berlins Ausländerbeauftragte.Foto: Christoph Schmidt/picture alliance

Stimmen „unsere Türken“ für Erdogan, weil sie sich hier diskriminiert fühlen?

Das würde ja bedeuten, dass sie nicht hier, sondern unter Erdogan leben wollten. Das ist eine sehr deutsche Interpretation. Die Gastarbeitergeneration und ihre Nachfahren haben sich im Großen und Ganzen hier sehr erfolgreich entwickelt. Als Erklärung wäre das zu kurz gegriffen.

Das heißt, unsere Vorstellung von Erdogan stimmt nicht mit der Vorstellung der Türken von Erdogan überein?

Das ist mit Sicherheit so. Das hat auch kulturelle Gründe. Die hier wahlberechtigten Türken haben zum Beispiel alle einen Brief bekommen mit der Anrede „Meine liebe Schwester, mein lieber Bruder“. Die Wärme und die Anerkennung, die sie selber untereinander haben, ist in vielen türkischen Familien eine Realität. Das sind kulturelle Werte, die man auch im Umgang der Politiker mit ihren Wählern spürt. Diese Art von Gefühl kennen wir nicht, wir unterschätzen das. Und bei Erdogan geht es auch um den, den sie immer im Fernsehen sehen. Wenn bei Türken der Fernseher nicht läuft, ist er kaputt.

Verstehen wir die Türken also einfach nicht richtig?

Viele der bei uns lebenden Türken haben zu Hause Sommerhäuser, sie könnten in die Türkei zurückzukehren. Aber sie tun es nicht. Sie leben schon gerne hier in unserer liberalen Gesellschaft.

Das hört sich alles so an, als seien wir Deutschen einfach nur sauer, dass die Türken bei uns nicht so richtig deutsch sind.

(Lacht.) Ja, der beste Türke ist einer, der nicht so aussieht wie einer und den man nicht dafür hält. Wir Deutschen sind von den früheren Autoritäten irgendwie auf Einheit getrimmt, und wenn man da ausschert, dann hat man schlechte Karten.

In Berlin haben nur 51 Prozent der Türken für Erdogan gestimmt, an Rhein und Ruhr mehr als 70. Was ist in Berlin anders?

Die Einwanderung nach Berlin kam aus anderen Regionen, aus der Nähe von Ankara zum Beispiel, die finden sich hier wieder zusammen. Das ist typisch für Einwanderungsländer, da gibt es Netzwerke, das sind die sogenannten Push- und Pull-Faktoren. Und dann wollen sie voneinander nicht abweichen und passen sich der eigenen Community an.

Die in Berlin lebenden Türken sind großstädtischer?

Wir haben beides, sowohl die Türken aus Ostanatolien, aber auch sehr viel Kurdisch-stämmige. Auch hier gilt das Prinzip, dass aus der eigenen Gegend Leute nachkommen nach Berlin.

Hat die Erregung über die Bilder von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit Erdogan eine Rolle beim Stimmverhalten gespielt?

Nein. Das glaube ich nicht. Über so etwas sind die Türken erhaben, die halten unsere Aufregung für eine deutsche Marotte, sehen das aber nicht verbissen, sondern mit einem lachenden Auge. Und natürlich spielt das türkische Fernsehen eine große Rolle. Die wollen mit ihrer Heimat in Kontakt bleiben.

Ist das Wahlverhalten eine Reaktion darauf, dass wir nicht akzeptieren, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein?

Ach was, von einer Quittung für die angebliche Nichtakzeptanz kann keine Rede sein. Die Realität hat diese deutsche Lebenslüge doch längst weggefegt.

Das Gespräch mit Barbara John führte Gerd Appenzeller.

Barbara John (80) war von 1981 bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats. Sie arbeitet in der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und als Ombudsfrau für die NSU-Opfer.

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