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Nach Tod des Afroamerikaners Floyd : Mindestens 9300 Festnahmen bei Protesten in den USA

Einige friedliche Demos sind in den USA wieder in Gewalt umgeschlagen. Trump macht seine Drohung wahr: Nun sind in Washington Militärs zusammengezogen.

Demonstranten in Santa Monica sitzen gefesselt auf der Straße.
Demonstranten in Santa Monica sitzen gefesselt auf der Straße.David McNew/Getty Images/AFP

Seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis sind mindestens 9300 Menschen bei Protesten festgenommen wurden. Dies berichtet die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf eigene Zählungen. Auch am Dienstag waren in mehreren US-Metropolen Demonstranten trotz Ausgangssperren auf die Straßen gegangen. Die Polizei ließ vielerorts Demonstranten aber bis in die späten Abendstunden gewähren.

Inzwischen hat das Militär rund 1600 Soldaten auf Militärstützpunkte rund um Washington verlegt, um die Sicherheitskräfte in der Hauptstadt angesichts der anhaltenden Proteste bei Bedarf unterstützen zu können. 

Die Militärpolizisten und Infanteristen stünden bereit, um gegebenenfalls unterstützend einzugreifen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Minister Mark Esper habe die Verlegung der Soldaten angeordnet, hieß es weiter.

Trump hatte am Montag angekündigt „abertausende“ Soldaten des US-Militärs einsetzen zu wollen, um Ausschreitungen am Rande der friedlichen Proteste nach dem Tod Floyds einen Riegel vorzuschieben. 

Ein Einsatz des hochgerüsteten US-Militärs im Land wäre allerdings sehr ungewöhnlich. Mehrere Bundesstaaten haben zur Unterstützung bereits Soldaten ihrer Nationalgarde aktiviert. Diese werden in den USA häufiger bei Naturkatastrophen und anderen Großlagen eingesetzt.

Ausschreitungen in mehreren Städten

Die achte Nacht in Folge kam es in den USA in einigen Städten zu Ausschreitungen. Tagsüber hatte es in vielen Großstädten am Dienstag friedliche Massendemonstrationen gegen Rassismus und Polizeibrutalität gegeben, die teilweise gegen Abend in Gewalt umschlugen. Große Märsche gab es in Los Angeles, Philadelphia, Atlanta und New York City und in Washington D.C. 

Zu Ausschreitungen kam es etwa in New York: Auf der Fifth Avenue zertrümmerten Demonstranten Fenster und plünderten Luxusgeschäfte. 

Plünderung eines Geschäfts in New York
Plünderung eines Geschäfts in New YorkFoto: REUTERS/Jeenah Moon

In Los Angeles wurde ein Einkaufszentrum in Brand gesetzt. In einigen Städten wurden Polizeibeamte mit Steinen und Gegenständen beworfen. In zwei Städten wurden nach offiziellen Angaben fünf Polizisten von Schüssen getroffen, einer davon schwer.

Auslöser der US-weiten Proteste ist der Tod von George Floyd in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota am Montag vergangener Woche. Ein Polizist kniete minutenlang auf seinem Hals, Floyd starb später im Krankenhaus.

Washington: Demonstration trotz Ausgangssperre 

Der Protest in der US-Hauptstadt fand in der Nähe des Parks statt, wo Präsident Donald Trump am Montag Demonstranten gewaltsam entfernen ließ, damit er für ein umstrittenes Pressefoto vom Weißen Haus zu einer historischen Kirche gehen konnte. 

Hunderte Menschen demonstrierten in Washington auch noch, nachdem die abendliche Ausgangssperre galt. Sie skandierten Slogans wie „Wir bewegen uns nicht“ und „Scheiß auf Eure Ausgangssperre“.

Auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles füllten tagsüber Hunderte von Menschen die Straßen und marschierten an berühmten Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei. Andere versammelten sich vor der Hauptwache der Polizei in der Innenstadt, umarmten Polizisten und reichten sich die Hände als Zeichen des Friedens

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Neue Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA
Neue Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA

In New York City marschierten Tausende friedlich die 86th Street hinauf, hielten Schilder mit der Aufschrift "Keine Gerechtigkeit, kein Frieden" und skandierten "sag' seinen Namen, George Floyd", gefolgt von einer stillen Mahnwache. In Floyds Heimatstadt Houston versammelten sich Tausende zu einem von seinen Freunden und seiner Familie organisierten Marsch.

„Sag' seinen Namen, George Floyd“

In Minneapolis forderte Roxie Washington, die Mutter von Floyds 6-jähriger Tochter Gianna, Gerechtigkeit. Floyd sei ein guter Vater und ein guter Mensch gewesen, sagte sie. Er habe es nicht verdient, unter dem Gewicht von drei Polizisten mit dem Gesicht nach unten auf dem Bürgersteig zu sterben. 

"Am Ende des Tages können sie nach Hause gehen und bei ihren Familien sein", sagte Washington. "Gianna hat keinen Vater mehr. Er wird sie nicht aufwachsen sehen, nicht bei ihrem Abschluss dabei sein. Er wird sie nie als Braut zum Altar führen können."

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Laut einer am Dienstag veröffentlichten Reuters/Ipsos-Umfrage sympathisiert eine Mehrheit von 64 Prozent der US-Bürger mit den Protesten. Mehr als 55 Prozent der befragten Amerikaner gaben an, dass sie Trumps Umgang mit den Protesten missbilligten, darunter 40 Prozent, die sein Vorgehen "stark" missbilligten. 

Ein Drittel der Befragten stehe laut der Umfrage hinter Trump. Der Präsident hatte gedroht, das Militär im Kampf gegen die Ausschreitungen einzusetzen. George Floyd war vor einer Woche bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis getötet worden. (Reuters, dpa, Tsp)

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