Nächstenliebe und Zivilisation : Was Ostern mit dem Grundgesetz zu tun hat

Jesu Auferstehung war auch die Auferstehung der Nächstenliebe. Die Liebe und das Anerkennen des anderen sind die stärksten Kräfte der Zivilisation. Ein Kommentar.

Vorbereitungen zur Ostermesse in der katholischen Kirche von Shantou in China.
Vorbereitungen zur Ostermesse in der katholischen Kirche von Shantou in China.Foto: Andy Wong/dpa

Ostern wird eine Umwälzung gefeiert. In der römischen Provinz Judäa wurde der Anwalt der Nächstenliebe ermordet – und seine Auferstehung war auch ihre. Das ist der revolutionäre Trost und Triumph der Osterbotschaft, ob sie christlich verstanden wird, oder säkular und symbolisch. Liebe, für die der jüdische Wanderprediger Jesus unerhörterweise sogar als Feindesliebe eintrat, lässt sich nicht umbringen. Das sozial Verbindende der Liebe, das Anerkennen des anderen sind die stärksten Kräfte der Zivilisation. Ohne diese Kräfte gäbe es kein Zusammenleben, kein Zusammenarbeiten, kein Kommunizieren. Es gäbe keine Städte, keine Märkte, weder Medizin noch Schulen oder Universitäten.

Regeln sorgen dafür, dass zivilisiertes Verhalten Vorrang hat

Unsere Gattung hat egoistische Triebe. Habgier und Missgunst weist sie auf, Narzissmus von Individuen und Gruppen, Rivalität und Skrupellosigkeit. Und die Gattung besitzt Liebe wie Neugier, den Drang nach sozialem Frieden wie nach Erkenntnis. Wären diese Anteile nicht die stärkeren, wären wir längst ausgelöscht. Für den Vorrang zivilisierten Verhaltens vor destruktivem können jedoch nur allgemeingültige Regelwerke sorgen, die den Kulten, den Religionen übergeordnet sind.

Aus den Quellen aller zivilisierten Anteile, auch aus dem christlichen Entwurf der Nächstenliebe, wurden die Menschenrechte formuliert, die normative Basis für demokratische Gesellschaften, wie den Artikel I der Verfassung unserer Republik, wonach die Würde jedes Menschen unantastbar ist.

Das Grundgesetz entstand nach der Schoah, nach dem Zivilisationsbruch der Menschheit. Dass seine wichtigsten Hebammen die alliierten Sieger waren, ließe sich als Feindesliebe deuten. Mit antisemitischem Hass und Größenwahn hatten Funktionseliten und Bevölkerung in Deutschland sich weit von jeglicher Menschlichkeit entfernt. Ganz Europa war übersät von ihren Tatorten. Umso größer war das Wunder der Auferstehung der Zivilisation, die demokratische Vereinigung großer Teile des Kontinents in der Europäischen Union.

Antisemitismus tarnt sich als "Israelkritik"

Wenn heute in Europa und anderen Weltgegenden neuer und alter Antisemitismus auftaucht, ist es ein Alarmsignal. Auf deutschen Schulhöfen rufen Achtjährige „Du Jude!“ als Schimpfwort. Nicht nur muslimische Schüler fallen damit auf, und Lehrer berichten davon seit Jahren. Latenter oder offener Antisemitismus des Bürgertums tarnt sich als „Israelkritik“, spürbar oft bereits beim Aufflammen des Interesses, sobald von Palästinensern die Rede ist, und Wegsacken des Interesses, wenn es „schon wieder“ um die Schoah geht. Aus Frankreich werden Attacken radikaler Muslime auf Juden gemeldet, Ungarns Premierminister äußert sich ungeniert antisemitisch.

Auch antimuslimische Stereotype sickern in die Debatte

Wie antisemitische Stereotype aus judenfeindlichen Elternhäusern auf die Schulhöfe wandern, sickern antimuslimische Stereotype aus den Empörungsmilieus der neuen Rechten in die öffentliche Debatte. Beiden Phänomenen muss demokratische Politik entgegenwirken.

Muslimisches Abdriften in sektiererische Koranauslegung und in das Ausgrenzen „Ungläubiger“ ist so inhuman wie Islamfeindlichkeit, die heterogene Gruppen pauschal diskriminiert. Beides wirkt entzivilisierend, beides gestattet keine Duldung. Nichts ist im Übrigen grotesker und unreifer, als zwei Gläubige, die aufeinander eindreschen und schreien: „Mein Gott hat mehr Erbarmen als deiner!“

Kinder gehen im Garten des Grundgesetzes spazieren

Demokratien sind akut aufgerufen, sich ihrer selbst bewusster zu werden. Innen-, Bildungs- und Familienministerien müssen Konzepte durchsetzen, demokratische Normen offensiv zu verteidigen. Bundesweit sollte das Hamburger Modell des „Religionsunterrichts für alle“ gelten.

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Dabei werden, wie in Norwegen oder England, Kinder nicht nach Religionen separiert, sondern erwerben gemeinsam Wissen über Islam, Judentum, Christentum und andere Konfessionen. Sie gehen sozusagen spazieren im Garten von Artikel 1 des Grundgesetzes. Im Zentrum steht der Dialog, die Bedingung der Möglichkeit von Zivilisation und Nächstenliebe. Darum geht es, nicht nur an Ostern.

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